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Wer zu spät ins Stadion kam, durfte sich ärgern - oder erleichtert sein, je nachdem, für wen das Herz schlägt. Nach 44 Minuten führten die Gäste von Atlético Chetumal im Estadio Nemesio Díez bereits mit 3:1 gegen Demonios Toluca - und das war auch der Endstand. Der Rest des Abends bestand aus viel Bemühen, ein bisschen Verzweiflung und einer Prise mexikanischer Theatralik. Schon nach fünf Minuten krachte es das erste Mal. Vicente Morte, der 22-jährige Linksaußen mit der Spielfreude eines Straßenkickers, zog nach Vorlage von Morgan Cort ab und traf eiskalt. Tolucas Torhüter Nael de Almeida streckte sich vergeblich; die Fans auf der Tribüne streckten sich nach ihren Bierbechern. "Ich dachte, wir wären noch in der Aufwärmphase", knurrte Toluca-Trainer - der sich nach Abpfiff übrigens weigerte, über die ersten zehn Minuten zu sprechen. Denn fünf Minuten später klingelte es erneut. Guy Lancaster schickte Andrew Neville auf die Reise, der mit einem trockenen Schuss ins lange Eck das 2:0 besorgte. Chetumal spielte in dieser Anfangsphase, als hätten sie es eilig, rechtzeitig zum Abendessen zurück zu sein. Das Publikum (32.000 Zuschauer, die meisten in Rot) versuchte, die Dämonen zu beschwören - und siehe da, in der 15. Minute gelang Iker Tortosa der Anschluss. Der bullige Mittelstürmer drückte den Ball nach Flanke von Marcio Domingos über die Linie. "Da war kurz wieder Leben im Stadion", grinste ein Fan später, "aber nur kurz." Denn kurz vor der Pause legte Atlético noch einmal nach. Inigo Herrera, ein Mittelfeldmann mit dem Bewegungsradius eines Marathonläufers, traf nach Zuspiel von Silvestre Esclapez zum 3:1. Damit war das Spiel im Grunde entschieden - auch wenn auf der Uhr noch eine Stunde Fußball stand. Statistisch gesehen war das Ganze eine klare Angelegenheit: 19 Torschüsse für Chetumal, nur vier für Toluca. 54 Prozent Ballbesitz für die Gäste, die dabei mit fast stoischer Ruhe agierten. Trainer Bastian Roemmler sah das naturgemäß etwas anders: "Wir hatten das Momentum auf unserer Seite. Aber das war kein Zufall - die Jungs haben einfach ihren Plan durchgezogen." Sein Plan? "Fußball spielen", lachte er und verschwand in der Kabine. Toluca versuchte es nach der Pause mit mehr Druck, aber ohne Struktur. Iker Tortosa prüfte Torwart Callum Greenwald in der 57. Minute, doch der Chetumal-Keeper war auf dem Posten. Vitorino Pacos scheiterte zweimal (51. und 69. Minute) - und irgendwann schien selbst der Ball keine Lust mehr zu haben, in Richtung Gästetor zu rollen. In der 50. Minute sah Atléticos Rechtsverteidiger Oscar Galindez Gelb, weil er offenbar vergessen hatte, dass Trikotziehen keine olympische Disziplin ist. Später erwischte es auch Toluas Linksverteidiger Marcio Domingos (80.), der sich mit dem Schiedsrichter in einer hitzigen Diskussion über die Definition von "Ball gespielt" verlor. "Wir hatten eigentlich einen guten Plan", murmelte Toluca-Stürmer Tortosa nach dem Spiel. "Nur hat Chetumal ihn auch gekannt." Sein Trainer stand daneben und nickte resigniert. Die Demonios wirkten über 90 Minuten bemüht, aber harmlos - offensiv ausgerichtet, wie die Taktikblätter verrieten, aber ohne die nötige Präzision. Vier Schüsse aufs Tor sind einfach zu wenig, wenn der Gegner mit 19 anrückt. Auf der anderen Seite glänzte vor allem der junge Vicente Morte, der nach 70 Minuten unter Applaus ausgewechselt wurde. Sein Ersatz Eugenio Taverna kam zwar nicht mehr zu einem Treffer, aber das Spiel war ohnehin längst entschieden. In den letzten Minuten durfte Toluca noch etwas Ballbesitz sammeln, während Chetumal das Tempo drosselte und die Sache professionell zu Ende spielte. "Wir haben gelernt, dass man im Fußball auch nach 15 Minuten noch zurückkommen kann - theoretisch", sagte Tolucas Verteidiger Sergi Eximeno mit trockenem Humor. So endete der Abend mit einem 1:3, das deutlicher war, als es das nackte Ergebnis vermuten lässt. Die Fans verließen das Stadion zwischen Frust und Fassungslosigkeit, während Bastian Roemmler an der Seitenlinie zufrieden in die mexikanische Nacht blickte. Und Toluca? Die Dämonen müssen sich fragen, ob sie beim nächsten Mal vielleicht erst nach dem Anpfiff in den Spielmodus schalten sollten. Bis dahin bleibt ihnen immerhin die Gewissheit, dass man ein Spiel auch in einer Halbzeit verlieren kann - stilvoll, vor heimischem Publikum und mit viel Herzblut. 20.01.643994 01:55 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer