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Ein lauer Abend in Chetumal, 52.494 Zuschauer, ein erwartungsvolles Raunen - und dann ein Inferno aus Offensivfußball. Atletico Chetumal schickt an diesem 10. Spieltag der 1. Liga Mexico die Alacranes Durango mit einem 7:0 (6:0) nach Hause. Man könnte sagen, es war ein Klassenunterschied. Oder man könnte ehrlicher sein: Es war ein sportlicher Erdrutsch. Schon nach drei Minuten klingelte es zum ersten Mal. Andrew Neville, der rechte Flügelflitzer Chetumals, jagte den Ball nach feinem Zuspiel von Innenverteidiger Eskil Dahlström humorlos unter die Latte. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Neville später und fügte schelmisch hinzu: "Aber wenn’s passt, dann passt’s." Durango war da bereits leicht verwirrt - und blieb es auch. In der 14. Minute erhöhte Morgan Cort mit einem satten Schuss aus 20 Metern auf 2:0. Trainer Bastian Roemmler sprang an der Seitenlinie auf wie ein Kind zu Weihnachten. "Das war der Moment, in dem ich wusste: Heute läuft’s", sagte er nach dem Spiel, während er sich demonstrativ die Ärmel hochkrempelte, als wolle er gleich selbst eingewechselt werden. Dann folgte die Show des jungen Vicente Morte. Der 22-jährige Linksaußen hatte offenbar beschlossen, dass Tore wie Chips sind - man kann nicht nur eins haben. Erst traf er in der 17. Minute nach Vorarbeit von Dennis Fleischer, dann in der 33. nach Pass von Asimakis Tsionanis und schließlich noch kurz vor der Pause in Minute 45, vorbereitet von Guy Lancaster. Ein lupenreiner Hattrick, nur eben über eine halbe Stunde verteilt. "Ich hab gar nicht gemerkt, dass es schon drei waren", lachte Morte später. "Ich wollte eigentlich noch einen machen, aber Morgan war schneller." Cort war es nämlich, der in der 44. Minute noch einmal zuschlug. Wieder ein Distanzschuss, wieder sah Durangos Keeper Jacinto Moreno nur hinterher. Lancaster hatte den Angriff eingeleitet - und bekam ein anerkennendes Schulterklopfen vom Torschützen. "Guy hat heute gespielt, als hätte er drei Lungenflügel", schwärmte Coach Roemmler. "Ich hab irgendwann aufgehört, ihn zu bremsen." 6:0 zur Pause. Das Publikum stand, Durangos Spieler saßen. Die Statistiken erzählten eine fast groteske Geschichte: 25 Torschüsse für Chetumal, ganze drei für Durango. Und obwohl die Gäste mit 50,3 Prozent sogar leicht mehr Ballbesitz hatten, wirkte das Spiel, als hätten sie den Ball nur bekommen, um ihn artig zurückzugeben. Nach der Pause versuchte Durango, sich wenigstens etwas zu ordnen. Doch kaum hatten sie den Ball einmal länger in den eigenen Reihen, war er auch schon wieder weg. In der 47. Minute machte Lancaster das 7:0 - ein Abstauber nach Kopfballvorlage von Dominique Pare. Danach schaltete Chetumal einen Gang zurück, aus reiner Höflichkeit. Durangos Trainer - der sich nach Abpfiff wortlos in Richtung Kabine verabschiedete - hatte seine Mannschaft während des Spiels noch zur "Ruhe" ermahnt. Schwer zu sagen, ob er das taktisch oder therapeutisch meinte. In der 63. Minute musste Ricardo Espriu verletzt raus, und die jungen Ersatzspieler wirkten, als seien sie gerade aus der Jugendkantine gerufen worden. Atletico blieb derweil unbeeindruckt, wechselte locker durch. Sergej Anjukow kam für Fleischer, Silvestre Esclapez ersetzte Lancaster, und Inigo Herrera durfte noch ein paar Bälle im Mittelfeld streicheln. "Wir wollten einfach Spaß haben", meinte Torhüter Callum Greenwald, der in 90 Minuten genau drei Bälle halten musste. "Ich hab mir in der 70. sogar einen Kaffee gewünscht, aber der Schiedsrichter hat’s verboten." Die Statistik sprach Bände: eine Zweikampfquote von 57 Prozent, Ballbesitz fast pari, aber jeder Angriff der Gastgeber hatte Biss. Durango dagegen? Drei harmlose Schüsse, ein gebrochenes Selbstbewusstsein und vermutlich eine lange Heimfahrt voller betretenem Schweigen. "Das war heute ein Statement", sagte Roemmler zum Abschluss. "Aber wir nehmen das Ergebnis mit Humor. Nächste Woche zählt wieder nur das nächste Spiel." Auf die Frage, was er seinen Spielern in der Kabine gesagt habe, grinste er: "Ich hab sie gebeten, beim nächsten Mal den Gegner nicht ganz so zu verprügeln." Ein 7:0, das in Chetumal noch lange erzählt wird - als jener Abend, an dem Atletico nicht einfach Fußball spielte, sondern ein Feuerwerk zündete. Und irgendwo in Durango wird man hoffen, dass Albträume nach 90 Minuten enden. Schlusswort eines Zuschauers beim Verlassen des Stadions: "Ich bin froh, dass ich das live gesehen hab - aber ehrlich gesagt, mir tut der Gegner ein bisschen leid." Ein bisschen. 23.02.643994 17:08 |
Sprücheklopfer
Unsere Chancen stehen 70:50.
Torsten Legat