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Ein Freitagabend unter mexikanischem Flutlicht, 39.853 Zuschauer im Estadio Azulgrana, und ein Trainer, der eigentlich lieber auf einer Bühne stehen würde: UD Atlante gewinnt am 27. Spieltag der 1. Liga Mexico mit 1:0 gegen Gallos Queretaro - ein Spiel, das so viele Chancen hatte wie ein Wahlversprechen, aber nur ein Tor sah. Von Beginn an war klar, dass Trainer Till Lindemann seine Atlante-Elf nach vorne schicken wollte. Offensiv, direkt, mit Druck. Queretaro, unter ihrem etwas ratlos wirkenden Coach, stand tief, hatte aber mehr Ballbesitz - ganze 57 Prozent. Das half ihnen allerdings so viel wie ein Regenschirm im Sturm. Atlante schoss 22-mal aufs Tor, Queretaro ganze viermal. Wer hier die Initiative hatte, war also keine Frage der Statistik, sondern des Muts. Schon früh prüfte Gerrit Vedder in der 18. Minute den Gästekeeper Sergi Quaresma mit einem Schuss aus 20 Metern - der Ball zischte knapp über das Lattenkreuz. "Ich dachte, der Ball sei drin, ehrlich", grinste Vedder später, bevor er in der 43. Minute Gelb sah - und in der 72. mit Gelb-Rot wieder verschwand. "Das war kein Foul, das war ein Kunstwerk", meinte er halb im Spaß, halb im Trotz. Lindemann kommentierte trocken: "Gerrit wollte halt zeigen, dass er auch singen kann - nur leider pfeifen die Schiedsrichter anders." Queretaro kam zu Beginn besser ins Spiel, Fabio Figo prüfte Atlante-Torwart Carl Galan früh (2. Minute), und Carles Gontan hatte in der 21. Minute eine ordentliche Gelegenheit. Doch Galan hielt alles, was kam, und winkte nach jeder Parade lässig in die Kurve. "Ich hab die Sonne im Auge gehabt, aber nachts", sagte er später lachend. Im Mittelfeld zog Sergio Yague die Fäden, während Thijmen Schoonhoven und Rui Teixeira die Flügel beackerten, als ginge es um ihren Führerschein. Lindemann wechselte früh: In der 60. Minute kam Ruben Velasco für Rui Teixeira - und der sollte zum Matchwinner werden. Zuvor hatten die Zuschauer ein Feuerwerk an vergebenen Chancen erlebt. Carles Bermudez schoss in der 70. Minute aus fünf Metern daneben, Claude Bernard traf in der 82. nur den Pfosten. Die Fans stöhnten kollektiv - man hätte meinen können, sie sähen eine Wiederholung in Endlosschleife. Dann, in der 79. Minute, das erlösende 1:0: Jay Dunn flankte von rechts butterweich in den Strafraum, Velasco schlich sich zwischen zwei Verteidiger, sprang höher als alle anderen und köpfte den Ball ins Netz. Quaresma streckte sich, aber vergeblich. Das Stadion explodierte. "Ich hab nur gedacht: endlich!", sagte Velasco später, noch außer Atem. "Jay hat’s perfekt gemacht - ich musste nur noch den Kopf hinhalten." Jay Dunn grinste: "Ich wollte eigentlich schießen, ehrlich." Nach dem Tor zog sich Atlante zurück, obwohl sie in Unterzahl waren - Vedder war ja schon duschen gegangen. Queretaro drückte, aber ohne zündende Idee. Vitor Ramallo hatte in der 74. Minute den Ausgleich auf dem Fuß, vergab aber kläglich. Ihr Trainer brüllte an der Seitenlinie, während Lindemann - ganz der Bühnenprofi - seelenruhig an seinem Kaugummi kaute. Und so blieb es beim 1:0. Ein Arbeitssieg, ein Sieg der Nerven - und einer, der Lindemann sichtlich gefiel. "Das war kein schönes Spiel, aber dafür echt", sagte er nach Abpfiff mit einem Grinsen, das man sonst nur von Tourplakaten kennt. "Wir haben unser Herz gezeigt - und ein bisschen Wahnsinn gehört halt dazu." Die Statistiken bestätigen seine Worte: Atlante rannte, kämpfte, schoss - 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe, trotz weniger Ballbesitz. Queretaro hatte mehr vom Ball, aber weniger vom Spiel. Ein Fan brachte es beim Verlassen des Stadions auf den Punkt: "Wir haben so oft vorbeigeschossen, dass das 1:0 eigentlich 5:0 heißen müsste." Und Till Lindemann? Der ging nach Abpfiff als Letzter vom Rasen, klatschte jeden Spieler ab und brummte: "Heute war’s laut genug - auch ohne Musik." Ein Satz, der sinnbildlich für diesen Abend steht: Ein Spiel ohne große Melodie, aber mit einem lauten, ehrlichen Schlussakkord. Atlante singt wieder - wenigstens auf dem Platz. 28.07.643993 18:46 |
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