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Wenn 52.384 Zuschauer in Cancún den Atem anhalten, weiß man: Es geht um mehr als drei Punkte. UD Atlante bezwang am 29. Spieltag der 1. Liga Mexico die Diablos Guadalajara mit 2:1 - in einem Spiel, das so wild schwankte wie ein tropischer Sturm über der Karibikküste. Trainer Till Lindemann (ja, der mit der tiefen Stimme und der Vorliebe für Dramatik) ließ sein Team mit kontrollierter Leidenschaft auftreten, während Ralf Mr’s Diablos offensiv glühten, aber am Ende an sich selbst und an Atlantes Abwehrscheibe zerschellten. Die Partie begann mit einem Feuerwerk - allerdings in Form verpasster Chancen. Schon in der 2. Minute prüfte Atlantes Flügelmann Thierry Dubois den Gästekeeper Nestor Andrade, der den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte lenkte. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, aber er kam zurück wie ein Boomerang", grinste Dubois später. Die Diablos antworteten sofort: Archie Valentine und Pedro Coluna wirbelten über die Flügel, als hätten sie den Turbo gezündet, doch Atlantes Torwart Antonio Santoy blieb eiskalt. In der 32. Minute fiel dann das, was man in Cancún wohl als göttliche Gerechtigkeit bezeichnet: Innenverteidiger Ktesias Kampantais, normalerweise eher der Mann für rustikale Grätschen als für filigrane Kunst, wuchtete nach einer Ecke von Gerrit Vedder den Ball per Kopf ins Netz. 1:0 für Atlante - und das Stadion bebte. "Ich habe einfach die Augen zugemacht", gab Kampantais nach dem Spiel lachend zu. "Vielleicht sollte ich das öfter machen." Guadalajara, das mit 54 Prozent Ballbesitz und 14 Torschüssen statistisch die Nase vorn hatte, wirkte geschockt, aber nicht geschlagen. Trainer Ralf Mr gestikulierte wild an der Seitenlinie, brüllte Anweisungen, die irgendwo zwischen Deutsch, Spanisch und purer Verzweiflung lagen. Doch Atlante blieb kompakt, spielte mit einer ausgewogenen, fast stoischen Ruhe, wie es Lindemann später beschrieb: "Wir sind keine Band, die nur Lärm macht. Wir spielen unsere Melodie - laut, aber mit Struktur." Nach der Pause legten die Diablos eine Schippe drauf. Coluna und der junge Nuno Olazabal prüften Santoy mehrfach, und in der 58. Minute lag der Ausgleich in der Luft - doch der Ball wollte einfach nicht rein. Atlante reagierte taktisch clever, brachte in der 60. Minute den frischen Rui Teixeira für Ruben Velasco, ein Wechsel, der sich als goldrichtig erweisen sollte. Nur sieben Minuten später, in der 67. Minute, schlug der 21-Jährige zu. Nach feinem Doppelpass mit Dubois zog Teixeira von rechts in den Strafraum und schlenzte den Ball unhaltbar ins lange Eck - 2:0. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand er später mit einem Grinsen, "aber der Ball hat wohl andere Pläne gehabt." Die Tribünen explodierten, und selbst Lindemann konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Doch die Diablos wären keine Teufel, wenn sie nicht zurückkämpfen würden. In der 74. Minute verkürzte Pedro Coluna nach einem schnellen Angriff über links auf 2:1. Plötzlich war wieder Feuer drin, und Atlante wankte. Lindemann wechselte sofort: Javier Cunha raus, Sergio Yague rein - frische Beine fürs Mittelfeld. "Ich habe nur gehofft, dass niemand die Nerven verliert", sagte der Trainer später. "Aber Dimas Pauleta hatte wohl andere Pläne." Der Linksverteidiger sah in der 80. Minute Gelb, nachdem er Coluna rustikal stoppte - ein Foul, das das Publikum mit einem kollektiven "Uff!" quittierte. Die letzten zehn Minuten waren ein Thriller. Carl Breuer und Coluna prüften Santoy mit zwei gefährlichen Schüssen, einer davon in der 90. Minute - aber der Keeper flog, als hätte er Federn an den Stiefeln. "Ich hab einfach gedacht: Nicht heute, Teufelchen", sagte Santoy mit einem Augenzwinkern. Am Ende jubelten die Blauen, während die Roten enttäuscht vom Platz schlichen. Atlante hatte weniger Ballbesitz (45,8 Prozent), weniger Struktur, aber mehr Herz - und das reichte an diesem Abend. Trainer Ralf Mr fasste es trocken zusammen: "Wir hatten den Ball, sie hatten die Tore. Fußball kann grausam sein." Ein sarkastisches Lächeln huschte über Lindemanns Gesicht, als er auf die Frage nach dem Erfolgsrezept antwortete: "Vielleicht liegt’s an der Lautstärke. Wir schreien einfach lauter als der Gegner." Und so bleibt von diesem Abend in Cancún ein Spiel, das alles hatte: Leidenschaft, Chaos, Gelbe Karten und ein Innenverteidiger, der plötzlich zum Torjäger wurde. Der Soundtrack? Das rhythmische Pochen von 52.384 Herzen, die gleichzeitig jubelten - und ein Trainer, der im Blitzlicht lächelte, als hätte er gerade sein eigenes Konzert gegeben. 10.08.643993 23:12 |
Sprücheklopfer
Was der Rudi Bommer heute mit seinen 800 Jahren geleistet hat, war schon phänomenal.
Dragoslav Stepanovic