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Einmal kurz geblinzelt, und schon war’s passiert. Kaum hatten die 50.655 Zuschauer im Estadio Metropolitano ihre Sitzkissen zurechtgerückt, zappelte der Ball im Netz der Gastgeber. Ganze drei Minuten waren gespielt, als UD Tarragonas Flügelflitzer Inigo Eximeno nach Vorlage von Martin Gonzalo den Ball präzise in die lange Ecke schlenzte - ein Treffer aus dem Lehrbuch für Effizienz. "Ich dachte, er flankt", stammelte Madrids Torwart Roberto Dominguez nach dem Spiel, "aber offenbar dachte der Ball etwas anderes." Damit war der Ton für den Abend gesetzt: Athletic Madrid rannte, kämpfte, kombinierte - und verzweifelte. Tarragona dagegen verteidigte mit stoischer Ruhe, als ginge es um den letzten Parkplatz in der Innenstadt. Ihr Trainer, ein sichtlich entspannter Señor mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass er seine Abwehrkette lieber nicht weckt, grinste nach Abpfiff: "Wir wollten früh treffen und dann das Spiel kontrollieren. Der Plan war, Athletic zu zermürben - und ehrlich gesagt, sie haben uns dabei geholfen." Madrid hatte mehr Torschüsse (14 zu 8), biss sich aber an der Fünferkette der Gäste die Zähne aus. Vor allem Mittelstürmer Juanito Cuadrado wirkte wie ein Mann, der in einem Albtraum immer wieder denselben Verteidiger vor sich sieht. Allein sechs seiner Abschlüsse fanden den Weg nicht ins Tor. "Ich hatte das Gefühl, das Tor wird kleiner, je länger das Spiel dauert", sagte Cuadrado mit einem gequälten Lächeln. Trainer Rocky Schönknecht - ein Name wie aus einem Actionfilm, doch an diesem Abend half selbst Hollywood-Mut nichts - ließ seine Elf in gewohnter Offensivhaltung auflaufen. Offensive Ausrichtung, ausgewogenes Angriffsspiel, ordentlich Ballbesitz (46 Prozent) und trotzdem kein Tor. "Wir haben alles versucht, außer vielleicht aufs leere Tor zu schießen", knurrte Schönknecht, der sich nach dem Schlusspfiff kurz mit dem vierten Offiziellen über die korrekte Länge der Nachspielzeit unterhielt. Die besten Chancen für Madrid kamen um die Halbzeit herum: Erst scheiterte Pierre Bradshaw mit einem satten Schuss aus der Distanz (49.), dann verfehlte Cesar Gelmirez per Kopf nur knapp (55.). Tarragona wankte kurz, fiel aber nicht. Stattdessen antworteten sie mit bissigen Kontern über Carreras und Eximeno, die immer wieder Nadelstiche setzten. Carreras selbst sah in der 68. Minute Gelb - "zu leidenschaftlich gejubelt beim Klären eines Eckballs", witzelte er später. Kurz darauf folgte Teamkollege Cesar Roy, der in Minute 77 für ein rustikales Einsteigen verwarnt wurde. Doch trotz zweier Gelber Karten blieb Tarragona cool. Ihr Torwart Andres Aganzo wuchs über sich hinaus, fischte in der 85. Minute einen wuchtigen Cuadrado-Schuss aus dem Winkel und erhielt dafür frenetischen Applaus - von den Gästefans und sogar ein paar respektvollen Pfeifern aus dem Heimblock. Als in der Nachspielzeit Madrids Mittelfeldmotor Ernesto Salvadorez verletzt am Boden liegen blieb und ausgewechselt werden musste, war klar: Der Abend würde kein Happy End für die Hausherren bereithalten. Ersatzmann Pablo Mendez kam noch für zwei Minuten, aber das Spiel war längst entschieden. Statistisch gesehen war das Duell eng: 53 Prozent Ballbesitz für Tarragona, 14:8 Torschüsse für Madrid, etwas bessere Zweikampfquote für die Gastgeber. Doch Fußball ist bekanntlich keine Mathematik, und an diesem Abend war Tarragona die Mannschaft mit der einen entscheidenden Zahl: 1. Nach Abpfiff klatschten die Gäste einander ab, als hätten sie gerade im Pokal ein Wunder geschafft. "Wir sind nicht die Glamour-Truppe, aber wir wissen, wie man kämpft", sagte Torschütze Eximeno, dessen Trikot so durchgeschwitzt war, dass man die Rückennummer nur noch erahnen konnte. In der Pressekonferenz zeigte sich Schönknecht bemüht gefasst: "Wir haben 87 Minuten lang auf ein Tor gespielt. Vielleicht sollten wir nächstes Mal schon in der dritten Minute wach sein." Ein Seitenhieb, der selbst die anwesenden Journalisten zum Schmunzeln brachte. UD Tarragona hingegen reiste mit breiter Brust ab - und einem Sieg, den sie wohl noch auf der Rückfahrt im Mannschaftsbus feiern würden. Athletic Madrid bleibt die Erkenntnis, dass Ballbesitz ohne Zielstrebigkeit so nützlich ist wie ein Cabrio im Schneesturm. Und irgendwo zwischen Frust und Galgenhumor fasste es ein Madrid-Fan auf der Tribüne perfekt zusammen: "Wenn wir so weiterspielen, brauchen wir bald keine Stadionbeleuchtung mehr - das Glühen unserer verpassten Chancen reicht locker aus." 10.04.643987 04:16 |
Sprücheklopfer
Wir treten nicht an um ein Tor zu schießen, wir wollen das Spiel gewinnen!
Oliver Kahn