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29289 Zuschauer im Athener Stadion sahen an diesem milden Märzabend ein Spiel, das mehr Wendungen bot als eine griechische Tragödie - nur dass diesmal das Lachen auf Seiten der Gastgeber blieb. AEL Athen bezwang Thessaloniki am 3. Spieltag der 1. Liga Griechenland mit 4:2 und lieferte dabei eine Vorstellung, die zwischen genial und leicht chaotisch pendelte. Schon in der 15. Minute zappelte der Ball erstmals im Netz - James Badham, der junge Engländer auf der linken Seite, jagte die Kugel nach feinem Zuspiel von Silvestre Carcedo humorlos unter die Latte. Trainer Ryan Mystery sprang an der Seitenlinie auf, als hätte er selbst gerade den Sprint zur Eckfahne hingelegt. "Ich hab James vor dem Spiel gesagt: Wenn du schießt, dann bitte so, dass sich keiner traut, den Ball anzufassen", grinste Mystery später. Doch wer glaubte, Thessaloniki würde sich ergeben, kennt die Nordgriechen schlecht. In der 31. Minute zeigte Angel Di Maria - nein, nicht der aus Argentinien, sondern der gleichnamige 20-Jährige - seine Klasse. Nach Pass von Dario Castello schlenzte er den Ball ins lange Eck. 1:1, und die Gäste witterten plötzlich Morgenluft. Athen wirkte kurz irritiert, als hätte jemand den Pausentee zu früh serviert. Mit 1:1 ging es in die Kabinen, und die Statistiker notierten eine ausgeglichene erste Hälfte: 50 Prozent Ballbesitz für Athen, 49 für Thessaloniki, neun zu acht Torschüsse im gesamten Spiel sollten es am Ende werden - also kein klarer Schlagabtausch, sondern ein Duell auf Augenhöhe, bei dem Effizienz den Unterschied machte. Nach Wiederanpfiff änderte sich das Bild schlagartig. Athen kam mit einer offensiven Wucht aus der Kabine, als hätte Trainer Mystery in der Halbzeit statt Worte Espresso serviert. Wieder war es James Badham, diesmal nach Vorarbeit von Evangelos Choutos, der in der 51. Minute vollstreckte. 2:1 - und die Kurve tobte. Kaum hatte man sich gesetzt, erhöhte Luís Travassos in der 64. Minute nach Carcedo-Pass auf 3:1. Der Portugiese jubelte mit ausgestreckten Armen vor der Fankurve, als wollte er die ganze Stadt umarmen. Thessaloniki aber zeigte Moral. Nur drei Minuten später war Dario Castello zur Stelle, der nach Doppelpass mit Di Maria den Anschluss markierte. "In dem Moment dachte ich, wir drehen das noch", sagte Gästecoach Johnas Heun nach der Partie. "Aber dann kam Athen wieder mit einem dieser Momente, in denen man nur klatschen kann." Gemeint war Jose Maria Costinha, der in der 82. Minute den Schlusspunkt zum 4:2 setzte. Der frisch eingewechselte Flügelspieler traf nach Pass von Anthimos Papadopoulos und ließ Torhüter Leonidas Spyropoulos keine Chance. Athen war wieder im Rausch - und Thessaloniki endgültig geschlagen. Zwischendurch gab es kleine Nebenschauplätze: Gunnar Hoffmann sah für ein rustikales Tackling Gelb (24.), später erwischte es auch Athinagoras Mitroglou auf Seiten der Gäste (91.). "Das war kein Foul, das war einfach nur Begeisterung", verteidigte Hoffmann sein Einsteigen mit einem Grinsen, das eher an einen bärtigen Philosophen erinnerte als an einen Innenverteidiger. Die Zuschauer bekamen jedenfalls einiges geboten: Offensivfußball aus dem Lehrbuch, ein paar hitzige Duelle im Mittelfeld und einen Torhüter Simone Ferrari, der zwar zweimal hinter sich greifen musste, aber mit mehreren Paraden den Vorsprung rettete. Carcedo, der an zwei Treffern beteiligt war, wurde nach Abpfiff von den Fans gefeiert wie ein Rockstar. "Ich spiele einfach, was der Ball mir sagt", meinte er augenzwinkernd. Trainer Mystery zeigte sich zufrieden, aber nicht euphorisch: "Vier Tore sind schön, aber ich hätte gerne fünf gesehen. Man muss ja Ziele haben." Kollege Heun dagegen wirkte gefasst: "Wir haben gut gespielt, aber Athen war in den entscheidenden Momenten einfach klüger - und vielleicht ein bisschen frecher." Mit diesem Sieg setzt sich AEL Athen vorerst in der Spitzengruppe fest. Die Offensive funktioniert, die Fans träumen - und in der Kabine soll Badham nach dem Spiel gesungen haben, allerdings so schräg, dass selbst die Stadionlautsprecher kurz schweigen mussten. Wenn Athen so weiterspielt, könnte am Saisonende mehr drin sein als nur der Applaus. Und wer weiß - vielleicht wird man sich noch lange an diesen Abend erinnern, an dem ein junger Engländer in Griechenland zum Helden wurde. 04.12.643993 16:48 |
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Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund