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Ein Winterabend in Athen, Flutlicht, 30.542 Zuschauer - und ein 17-jähriger, der in den ersten Sekunden beschließt, die Hierarchien der griechischen Liga neu zu ordnen. Tiago Antonio, kaum alt genug, um ohne Elternbrief das Stadion zu betreten, braucht genau eine Minute, um AEL Athen auf die Siegerstraße zu schießen. Am Ende steht ein 3:0 (3:0) gegen Ioniktos FC - und eine erste Halbzeit, die die Gäste wohl noch länger in den Albträumen begleiten wird. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Tiago nach dem Spiel, die Gelbe Karte aus der 33. Minute noch leicht errötend in Erinnerung. "Trainer Mystery meinte, ich soll mutig sein. Vielleicht meinte er nicht, schon nach 60 Sekunden." Mutig war’s allemal. Nach feinem Zuspiel von Anthimos Papadopoulos, der über rechts die Ioniktos-Abwehr wie ein Taschenmesser aufklappte, traf Tiago trocken ins Eck - 1:0. Ioniktos, eben noch mit offensiver Grundordnung aufgelaufen, wirkte überrascht, als hätte jemand mitten im Hymnensingen das Licht ausgemacht. Doch AEL Athen hatte Blut geleckt. Nur acht Minuten später war es der quirlig-agile Silvestre Carcedo, der nach erneutem Pass von Papadopoulos auf 2:0 erhöhte. Die Gäste wirkten nun wie ein Team, das vergessen hatte, dass man sich auch ohne Ball bewegen darf. Coach Serkan Recber brüllte an der Seitenlinie Anweisungen, die irgendwo zwischen Verzweiflung und Gebet lagen. "Wir wollten eigentlich früh pressen", sagte Recber später mit einem Schulterzucken. "Dann fiel das erste Tor. Und das zweite. Danach haben wir uns entschieden, lieber nicht mehr zu pressen." Der dritte Treffer - und damit der endgültige Knockout - fiel in der 34. Minute: Achilleas Iosifidis, der bullige Linksaußen, verwertete eine Vorlage von Carcedo mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der wusste, dass der Gegner heute einfach nicht mehr aufwacht. 3:0 - und noch immer keine halbe Stunde gespielt. Die Fans tanzten Sirtaki auf den Rängen, während Ioniktos’ Keeper Özer Seyhan einen bitteren Abend erlebte, an dem er mehr Bälle aus dem Netz holte als vom eigenen Verteidiger zurückgespielt bekam. Die Statistik nach 45 Minuten sprach Bände: 59 Prozent Ballbesitz für AEL, 17 Abschlüsse auf das Tor über das gesamte Spiel, gegenüber mickrigen drei bei Ioniktos. Trainer Ryan Mystery hob nach Abpfiff dennoch mahnend den Zeigefinger: "Nach der Pause waren wir zu passiv. Ich wollte, dass sie Spaß haben - nicht, dass sie einschlafen." Tatsächlich schaltete AEL einen Gang zurück, stellte von ausgewogener Flügeloffensive auf defensive Balance um, und verwaltete das Ergebnis souverän. Ioniktos versuchte es derweil mit guten Vorsätzen und einem frischen Petros Doxiadis für den verletzten Lukas Giannakopoulos, der kurz nach Wiederanpfiff humpelnd vom Feld musste. Doch was helfen frische Beine, wenn der Ball ständig beim Gegner ist? Ein Schuss von Xabi Godinez in der 56. Minute war das, was man wohl als "Lebenszeichen" verbuchen kann. Athen dagegen ließ es ruhiger angehen. Die Fans forderten ein viertes Tor, doch Trainer Mystery winkte ab - "Wir haben genug getan. Jetzt sollen sie lernen, wie man ein Spiel kontrolliert", sagte er mit einem Zwinkern. Die jungen Wilden taten, wie geheißen: souverän, abgeklärt, beinahe gelangweilt. Zum Ende hin wurde’s nochmal hitzig: Ioniktos’ Innenverteidiger Emmanouil Photopoulos holte sich in der 75. Minute den gelben Karton ab - vermutlich, um wenigstens einmal in den Notizblock des Schiedsrichters zu kommen. "Wir wollten zeigen, dass wir da sind", meinte er später, sarkastisch genug, um zu wissen, dass sie es nicht waren. Als der Schlusspfiff ertönte, brandete Applaus auf - nicht nur für den klaren Sieg, sondern auch für die jugendliche Frische, mit der AEL Athen den Abend gestaltete. Tiago Antonio wurde zum Publikumsliebling des Abends gewählt, Carcedo und Papadopoulos umarmten sich lachend, als hätten sie ein Freundschaftsspiel gewonnen. "Wenn man mit 17 ein Tor schießt und Gelb sieht, war’s wohl ein kompletter Abend", scherzte Tiago in der Mixed Zone. Coach Mystery nickte zufrieden: "Wir haben Fußball gespielt, nicht Statistik. Aber wenn Sie die Zahlen wollen - 17 Schüsse, 59 Prozent Ballbesitz, 56 Prozent Zweikampfquote. Ich sag’s mal so: Das war nicht nur verdient, das war pädagogisch wertvoll." Ioniktos FC indes reiste mit gesenkten Köpfen ab. Trainer Recber versprach Besserung: "Wir wissen jetzt, wie schwer die Liga wirklich ist. Und dass Athen kein Ort für Träumereien ist." Und so bleibt von diesem 12. Spieltag vor allem ein Gedanke: Manchmal reicht ein Teenager mit Mut, ein Mittelfeld mit Ideen - und ein Trainer mit Humor, um ein ganzes Stadion tanzen zu lassen. 04.10.643990 14:03 |
Sprücheklopfer
Freundschaften zählen für mich sehr, aber nicht in diesem Geschäft. Ich habe Jürgen Gelsdorf vor die Tür gesetzt, der war sogar mein Trauzeuge.
Rainer Calmund