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Wenn ein Spiel gleich in der dritten Minute mit einem Tor beginnt, dann ahnt man: Das wird kein gemütlicher Fußballabend. Und tatsächlich - die 20.000 Zuschauer im Estadio Ramón Hernández bekamen beim 1. Spieltag der 1. Liga Venezuela zwischen AD El Vigia und Real Caracas ein Spektakel geboten, das zwischen Genie, Wahnsinn und gelegentlicher Selbstzerstörung pendelte. Am Ende jubelten die Gäste aus der Hauptstadt über einen 3:2-Auswärtssieg - und El Vigia haderte mit sich selbst und einem gewissen Michel Brinkmann. Francisco Viana eröffnete das Toreschießen schon nach drei Minuten. Der flinke Linksaußen nahm eine Vorlage von Joel Gallagher dankend an und drosch den Ball humorlos ins rechte Eck. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, aber dann lag er plötzlich im Netz", grinste Real-Torwart Helmut Ackermann später gequält. Kurzzeitig schien alles auf einen Traumstart für El Vigia hinauszulaufen. Doch Real Caracas, trainiert vom unerschütterlich stoischen Eiko Henke, antwortete prompt. Nur drei Minuten später glich Agemar Manuel aus - nach einem überraschend präzisen Pass von Innenverteidiger Adriano Machado. "Das war so nicht einstudiert", gab Henke hinterher zu, "aber wenn der Innenverteidiger plötzlich den Zehner spielt, muss man das genießen." Danach übernahmen die Gäste die Kontrolle, auch wenn El Vigia den Ball länger hatte (55,9 Prozent Ballbesitz). Caracas war einfach effizienter. In der 34. Minute traf der 20-jährige Vitor Andrade nach erneutem Machado-Pass - und drei Minuten später legte wieder Agemar Manuel nach, diesmal vorbereitet von Routinier Jordi Pinto. 3:1 zur Pause - und ratlose Gesichter auf der Heimtribüne. Trainer Henke wirkte unterdessen, als hätte er das alles geplant. "Ich mag es, wenn meine Jungs mich überraschen", sagte er mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Ironie und echter Freude lag. Die zweite Halbzeit begann dann mit einem Aufreger: El Vigias Isidoro Oliveira musste verletzt raus, nach einem unglücklichen Zweikampf. "Ich hab’ nur den Ball gesehen - und dann Sterne", murmelte der 34-Jährige später mit einem Eisbeutel auf dem Knie. Für ihn kam Silvestre Adao, der sofort Struktur ins Mittelfeld brachte. In der 58. Minute keimte Hoffnung auf: Vincent Valentin verkürzte auf 2:3, schön in Szene gesetzt vom jungen Linksverteidiger Joseba Dominguez. Das Stadion erwachte, Trommeln dröhnten, und plötzlich roch alles nach Aufholjagd. El Vigia drängte, schoss, kombinierte - zehn Torschüsse insgesamt, genauso viele wie der Gegner. Doch Real Caracas verteidigte leidenschaftlich, manchmal zu leidenschaftlich. Vier Gelbe Karten sahen die Hauptstädter, und in der 88. Minute dann der unrühmliche Höhepunkt: Michel Brinkmann, bis dahin Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld, sah erst Gelb, dann Gelb-Rot. "Ich wollte nur zeigen, dass ich noch Energie habe", erklärte er später entschuldigend. Trainer Henke hielt sich da zurück: "Michel ist ein emotionaler Spieler. Heute war’s… zu emotional." Die Schlussminuten gehörten El Vigia, die alles nach vorn warfen. Francisco Viana prüfte Ackermann noch einmal in der Nachspielzeit, doch der Torwart hielt mit den Fingerspitzen. Danach war Schluss - und Real Caracas rettete den knappen Sieg über die Zeit. Statistisch gesehen war das Spiel erstaunlich ausgeglichen: Beide Teams mit jeweils zehn Torschüssen, der Ballbesitz leicht zugunsten der Hausherren. Aber Fußball wird eben nicht nach Prozenten, sondern nach Toren entschieden. Und da hatte Real Caracas an diesem Abend die Nase vorn. "Wir hätten wenigstens einen Punkt verdient gehabt", knurrte El-Wigia-Stürmer Valentin nach Abpfiff, "aber wir haben uns selbst geschlagen." Sein Trainer - der Name war in den Daten dieses Spiels ein Mysterium - soll in der Kabine gesagt haben: "Zwei Gegentore nach Flanken, eins nach Ballverlust - das ist kein Pech, das ist ein Lehrfilm." Für Caracas dagegen war es der perfekte Auftakt in die Saison. "Ein gutes Omen", meinte Henke trocken. Und als der Mannschaftsbus später hupend vom Stadion rollte, rief ein Fan von der Tribüne: "Nehmt die Punkte mit, aber lasst uns wenigstens den Ball!" Ein Spiel, das alles hatte: frühe Tore, harte Zweikämpfe, einen Platzverweis und 20.000 Zuschauer, die zwischen Jubel und Verzweiflung pendelten. Wenn der Rest der Saison hält, was dieser Auftakt verspricht, dürfen sich die venezolanischen Fußballfreunde auf ein turbulentes Jahr freuen. Und wer weiß - vielleicht erzählt Francisco Viana irgendwann seinen Enkeln: "Damals, am ersten Spieltag 2026, da hab’ ich wenigstens kurz geglaubt, wir könnten Real Caracas besiegen." 21.11.643993 22:37 |
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Mario Basler