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Wer am Donnerstagabend im Estádio D. Afonso Henriques auf einen ruhigen Fußballabend gehofft hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt. Victoria Guimarães und Blau-Weiss Luzern teilten sich beim 5:5 (1:3) nicht nur die Punkte, sondern auch jede Menge Adrenalin, Verzweiflung und Jubel. 37.048 Zuschauer erlebten ein Spiel, das eher an ein Tennismatch erinnerte - und bei dem selbst die Anzeigetafel irgendwann resignierte. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", gestand Guimarães-Trainer Matthias Ging mit einem gequälten Lächeln nach dem Schlusspfiff. "Wir wollten offensiv spielen - das hat ja auch funktioniert, vielleicht zu gut." Das Spiel begann, wie es enden sollte: wild. Schon nach sechs Minuten zappelte der Ball zum ersten Mal im Netz - Luzerns Felipe Caballero traf nach Vorlage von Roger Römer eiskalt. Nur zwei Minuten später legte Julien Achard nach. 0:2 nach acht Minuten, und Guimarães schaute sich verdutzt an, als wäre man in den falschen Film geraten. Doch dann kam Erik Karhan, 31 Jahre alt, rechter Mittelfeldmotor mit dem Selbstverständnis eines Dirigenten. In der 10. Minute drosch er den Ball aus vollem Lauf ins kurze Eck - 1:2. "Da dachte ich: Jetzt sind wir drin", sagte Karhan später. Leider hatte Luzerns Roger Römer noch etwas dagegen. Nach 38 Minuten stellte er den alten Zwei-Tore-Abstand wieder her. Mit 1:3 ging’s in die Pause, und die Fans der Heimelf pfiffen lautstark - nicht ohne Grund. Luzern spielte eine erste Halbzeit, wie sie in Lehrbüchern für mutigen Auswärtsfußball stehen könnte: 16 Torschüsse insgesamt, aggressives Pressing, lange Bälle, ständiger Zug nach vorn. Trainer Reinhard Wild nickte zufrieden in Richtung seiner Bank, als Joseph Wendt kurz nach der Pause (61.) sogar das 4:1 erzielte. "Da dachte ich, das Ding ist durch", gab er später zu. War es natürlich nicht. Denn was dann passierte, war ein Drehbuch, das Hollywood abgelehnt hätte - zu unrealistisch. Innerhalb von nur neun Minuten drehte Guimarães auf wie ein Espresso-getriebener Stier: Karhan (67.), Carlos Vidigal (68.) und Dusan Holosko (70.) trafen in Serie. Aus 1:4 wurde 4:4, und das Stadion stand Kopf. "Ich wusste gar nicht, wen ich zuerst umarmen soll", lachte Vidigal nach dem Spiel. "Vielleicht sogar den Schiedsrichter, der endlich wieder angepfiffen hat." Doch Luzern wäre nicht Luzern, wenn sie nicht noch einmal zurückgekommen wären. In der 83. Minute schlenzte Caballero - wieder er - den Ball nach Pass von Achard ins lange Eck. 4:5, und Gästecoach Wild sprang mit der Eleganz eines 20-Jährigen an die Seitenlinie. Nur: Guimarães hatte das letzte Wort. In der 89. Minute rannte Linksaußen Raul Albacar noch einmal die Linie entlang, bekam den Ball von Rechtsverteidiger Sergio Sa Pint - und traf präzise ins rechte Eck. 5:5! Die Heimfans jubelten, als hätten sie gewonnen. Statistisch war das Remis fast gerecht: 51 Prozent Ballbesitz für die Portugiesen, 49 für Luzern. Doch die Gäste hatten mit 16 Torschüssen deutlich mehr Mut zum Risiko, während Guimarães mit elf Abschlüssen dafür die bessere Effizienz zeigte. Luzerns Verteidiger Jean-Pierre Carey hätte wohl gern weniger zu tun gehabt - und wurde in der 79. Minute erlöst. Der 18-jährige Franck Stock feierte sein internationales Debüt. "Ich hatte keine Ahnung, dass man so schnell rennen muss", keuchte er nach Abpfiff. Auch Guimarães setzte in der Schlussphase auf frische Kräfte: Boyle kam für den gelbverwarnten Cort (89.), und Morgan Lankford ersetzte in der Nachspielzeit Nelio Varela. Viel änderte das nicht - das Spiel war längst außer Kontrolle geraten, im besten Sinne. "Das war kein Fußball, das war Wahnsinn auf grünem Rasen", meinte ein Fan beim Verlassen des Stadions. Und man konnte ihm nicht widersprechen. Trainer Wild fasste es nüchtern zusammen: "Wer fünf Tore auswärts schießt und trotzdem nicht gewinnt, sollte vielleicht Lotto spielen. Die Chance auf sechs Richtige ist größer." Und Ging? Der grinste: "Ich bin stolz auf die Jungs. Und auf alle Zuschauer, die das ohne Herzinfarkt überstanden haben." Ein 5:5, das in keiner Statistik erklärt werden kann, aber in jeder Erinnerung bleibt - ein Abend, an dem Fußball einfach alles war: schön, verrückt, unberechenbar. Schlusswort: Manchmal ist ein Unentschieden das gerechteste aller Ergebnisse - vor allem, wenn keiner weiß, wie es überhaupt zustande kam. 30.06.643987 04:25 |
Sprücheklopfer
Herzlichen Glückwunsch an Marco Kurz. Seine Frau ist zum zweiten Mal Vater geworden.
Thomas Häßler