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Manchmal schreibt der Fußball Geschichten, die selbst Drehbuchautoren zu kitschig wären. Das gestrige Abendspiel in der 2. Liga England zwischen Yeading United und Hucknall Town war so ein Fall: 20.000 Zuschauer sahen ein 2:1, das sich anfühlte wie ein kleiner Raubüberfall in den letzten Minuten. Dabei begann alles ganz nach dem Geschmack der Gäste. Schon in der 4. Minute zog Pedro Deco von rechts nach innen, bekam den Ball von Innenverteidiger Radoslav Varga, und zimmerte das Leder trocken ins lange Eck. Keeper Leo Wyler konnte nur hinterhersehen - 0:1, ein Auftakt nach Maß für Hucknall Town. "Wir wollten Yeading direkt zeigen, wer hier den Takt vorgibt", grinste Trainer Maddes Kaiser später - da wusste er noch nicht, was ihm blühen würde. Hucknall spielte danach wie im Rausch: 20 Torschüsse insgesamt, Ballbesitz fast perfekt ausgeglichen, Zweikämpfe gewonnen, kurz - die Statistik war ein Liebesbrief an die Gäste. Nur: Das Tor trafen sie nicht mehr. Ryan Carter drosch den Ball in der 39. Minute ans Außennetz, Miroslav Kozacik köpfte drüber, und Owen Nolan schoss in der 76. Minute freistehend den Ball in den Nachthimmel. Yeading-Torwart Wyler wuchs dabei über sich hinaus, fischte fast alles, was auf seinen Kasten kam. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", lachte der 19-Jährige, "es war wie Flipper - nur dass ich das Gerät war." Yeading United? Nun ja - sie wirkten lange wie das, was man charmant "defensiv stabil" nennt. Kaum ein Angriff, kaum ein Schuss. Doch Trainer Andrew Caroll (gleichzeitig auch Spieler auf dem Platz - ein alter Fuchs) hatte offenbar ein anderes Drehbuch im Kopf. "Ich hab den Jungs gesagt: Wartet bis zum Schluss, dann tut’s doppelt weh", grinste er später mit einer Mischung aus Stolz und schlechtem Gewissen. Bis zur 89. Minute glaubte niemand mehr an eine Wende. Dann aber kam Marcel Falub. Der rechte Mittelfeldspieler nahm einen Pass eben jenes Caroll auf, zog trocken ab - 1:1! Das Stadion erwachte aus dem Halbschlaf, und die Fans sangen plötzlich wieder. Maddes Kaiser an der Seitenlinie verlor die Farbe im Gesicht, rief "Konzentriert euch!", doch die Worte gingen im Jubel unter. Drei Minuten später, Nachspielzeit. Wieder Caroll, diesmal mit einem langen Diagonalball in den Strafraum. Der Ball springt unglücklich von einem Verteidiger ab, landet vor Adriano Ximenes’ Füßen - ja, dem linken Außenverteidiger. Der zögert keine Sekunde, zieht ab - Tor! 2:1, Spiel gedreht! Yeading United explodierte, das Stadion bebte. Ximenes riss die Arme hoch und schrie in die Nacht: "Ich bin doch kein Stürmer - aber vielleicht sollte ich’s mal versuchen!" Während Yeading jubelte, blieb Hucknall Town wie erstarrt. "Ich weiß nicht, wie man mit 20 Schüssen ein Spiel verliert", murmelte Deco später in der Mixed Zone, "vielleicht war das Tor einfach heute kleiner." Sein Trainer Kaiser fasste es nüchtern zusammen: "Wir haben das Spiel kontrolliert - und Yeading hat es gewonnen. Das ist Fußball in seiner grausamsten Form." Die Zahlen untermauern das Drama: Hucknall mit 20 Torschüssen zu mickrigen vier, 50 Prozent Ballbesitz, eine bessere Zweikampfquote - doch der Sieg blieb aus. Yeading nutzte seine Chancen eiskalt, oder besser gesagt: sie warteten bis zur letzten Sekunde, um sie zu nutzen. Zwei Gelbe Karten (Henriquez für Hucknall, Perrone für Yeading) zeugten davon, dass es zumindest phasenweise hitzig zuging. "Da war viel Frust drin", meinte Perrone, "aber wenn du 80 Minuten Bälle hinterherläufst, willst du irgendwann wenigstens den Gegner treffen." Als der Schlusspfiff ertönte, war der Jubel grenzenlos. 2:1 - Yeading United klettert damit aus der unteren Tabellenhälfte, während Hucknall Town sich fragen muss, wie man ein Spiel so dominant verlieren kann. Und irgendwo im Presseraum grinste Andrew Caroll, noch immer leicht verschwitzt, und sagte: "Manchmal reicht’s, wenn du zum Schluss noch läufst, während der Gegner schon feiert." Yeading United lief - und wurde belohnt. Hucknall Town feierte zu früh. Fußball kann so gemein sein. 13.04.643990 19:08 |
Sprücheklopfer
Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.
Franz Beckenbauer