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Es war einer dieser Abende in Wusterwitz, an denen der Wind über den See pfeift, die Flutlichtmasten flackern und 5359 Zuschauer sich fragen, ob die Regionalliga B nicht eigentlich die spannendste Liga der Welt ist. Am Ende trennten sich der FC Wusterwitz und Blau Weiß Bochum mit 2:2 - ein Ergebnis, das sich liest wie ein diplomatischer Kompromiss, aber auf dem Platz alles andere als friedlich zustande kam. Schon in der 8. Minute bebte die kleine Arena, als der erst 17-jährige Nico Behrendt, frisch aus der A-Jugend befördert, einen Ball von Innenverteidiger Marco Müller aufnahm und trocken ins lange Eck jagte. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn ich nachdenke, geht’s meistens schief", grinste Behrendt nach dem Spiel, während Trainer Tom Fritz ihm väterlich auf die Schulter klopfte. Der Coach nickte anerkennend: "Der Junge hat noch Milchzähne, aber schon Eiseskälte." Wusterwitz spielte nach diesem frühen Treffer befreit auf, mit jugendlicher Unbekümmertheit und 16 Torschüssen insgesamt. Curt Fröhlich machte im Sturm seinem Namen alle Ehre, wirbelte, rackerte, scheiterte aber wiederholt an Bochums Keeper Christopher Lutz. Der hatte offenbar beschlossen, an diesem Abend der Spielverderber zu sein. "Ich dachte, der Ball sei schon im Netz, aber dann kam seine Hand aus dem Nichts", stöhnte Fröhlich. Bochum wirkte zunächst überrascht vom forschen Auftritt der Gastgeber, übernahm aber mit zunehmender Spieldauer die Kontrolle. 56 Prozent Ballbesitz sprechen eine klare Sprache, auch wenn es auf der Anzeigetafel zur Pause noch 1:0 hieß. Direkt nach Wiederanpfiff schlug Wusterwitz erneut zu: In der 47. Minute zog der 18-jährige Walther Buchholz nach Vorlage von Hanns Konrad aus der zweiten Reihe ab - und plötzlich stand es 2:0. Die Zuschauer feierten, als hätte man gerade die Champions League gewonnen. Doch wer Blau Weiß Bochum kennt, weiß: Die sind wie ein altes Gebirge - schwer ins Wanken zu bringen. Nur zwei Minuten später verkürzte Goran Pivaljevic nach Zuspiel von Ralph Ritter. Und als derselbe Pivaljevic in der 64. Minute nach klugem Pass von Herold Blood erneut traf, war das Wusterwitzer Märchen erst einmal vorbei. "Wir haben kurz vergessen, dass Fußball 90 Minuten dauert", meinte Trainer Fritz trocken. Die Bochumer schalteten danach auf Ballkontrolle. Ihr Passspiel - ruhig, präzise, fast schon meditativ - ließ die jungen Wusterwitzer phasenweise hinterherlaufen. "Wir wollten sie müde spielen", erklärte Pivaljevic, der mit seinem Doppelpack zum Mann des Abends avancierte. "Hat fast geklappt - wenn der Schiri noch fünf Minuten draufgelegt hätte, wer weiß." Wusterwitz wechselte in der 55. Minute doppelt: Behrendt und Konrad raus, Zander und Kaiser rein. Doch der frische Wind brachte nur kurz Entlastung. Stephan Werner kam in der 65. Minute für den ausgepumpten Luca Philipp, ebenfalls erst 17. Das Durchschnittsalter der Offensive? Kaum älter als ein Netflix-Account. Trotzdem zeigte sich: Leidenschaft schlägt Routine - zumindest phasenweise. In der Schlussviertelstunde drückte Wusterwitz wieder aufs Gaspedal. Finn Roth prüfte Lutz in der 85. und 88. Minute, Fröhlich brachte in der Nachspielzeit noch einen wuchtigen Kopfball aufs Tor. Aber das Netz blieb unberührt, der Abpfiff erlöste die Gäste. Statistisch bleibt festzuhalten: Wusterwitz mit 16 Torschüssen zu Bochums 9, aber die Gäste mit mehr Ballbesitz und der reiferen Spielanlage. Die Tackling-Quote wiederum sprach mit 53 Prozent für die Hausherren - ein Indiz für die kämpferische Ader dieses jungen Teams. "Wenn du 2:0 führst und am Ende 2:2 spielst, fühlt sich das an wie eine Niederlage", murmelte Fritz nachdenklich. Sein Gegenüber aus Bochum, der sich mit verschränkten Armen und einem kaum merklichen Grinsen in den Katakomben zeigte, konterte: "Für uns war’s ein gefühlter Sieg - und für die Zuschauer hoffentlich ein schöner Abend." Schöner Abend? Auf jeden Fall. Vielleicht kein perfektes Ergebnis, aber ein Paradebeispiel dafür, dass Fußball nicht nur aus Tabellenpunkten besteht. Wusterwitz hat gezeigt, dass Mut und Spielfreude auch in der Regionalliga noch zählen. Und Bochum? Die nehmen ihren Punkt mit, so gelassen, wie man das eben tut, wenn man weiß, dass Erfahrung manchmal doch ein bisschen mehr wert ist als jugendlicher Übermut. Am Ende ging man auseinander, wie sich gute Bekannte verabschieden: mit einem kräftigen Händedruck, einem "Bis nächstes Mal" - und dem Gefühl, einem dieser kleinen, ehrlichen Fußballabende beigewohnt zu haben, die man so schnell nicht vergisst. 29.03.643987 14:25 |
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Toni Polster