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Wenn im Februar in Wusterwitz schon Frühlingsgefühle aufkommen, dann liegt das meist an jugendlichem Überschwang - und genau den brachte der 17-jährige Rafael Witte am Dienstagabend mit auf den Platz. Vor 5070 begeisterten Zuschauern im kleinen, aber lauten Stadion an der Havel sorgte der Rechtsaußen des FC Wusterwitz mit zwei Treffern (72., 85.) für ein 2:0 über den Haldensleber SC - und für einen dieser Abende, die in der Regionalliga B noch lange weitererzählt werden. Dabei begann alles so, wie es in der Regionalliga häufig beginnt: Mit viel Kampf, wenig Raum und noch weniger Präzision. Der FC Wusterwitz, von Trainer Tom Fritz gewohnt offensiv eingestellt, legte los wie ein Feuerwerk im Nieselregen - hell, laut, aber zunächst folgenlos. Schon nach sechs Minuten prüfte der 18-jährige Walther Buchholz den Gäste-Keeper Daniel Stoll mit einem strammen Schuss, der allerdings mehr die Handschuhe als das Tornetz erwärmte. In der 15. Minute dann Curt Fröhlich, der seinem Namen zum Trotz eher grimmig schaute, als er den Ball aus fünf Metern über das Tor drosch. "Wir haben die erste Halbzeit komplett kontrolliert, aber das Tor war wie vernagelt", schnaubte Fritz später in die Mikrofone. 58 Prozent Ballbesitz, 21 Torschüsse - und zur Pause stand es trotzdem 0:0. Es hätte fast komisch gewirkt, wäre es nicht so typisch für die jungen Wilden aus Wusterwitz gewesen. Der Haldensleber SC, angeführt von Trainer Marcel Mönner, wirkte derweil wie ein Team, das eher auf Schadensbegrenzung als auf Spektakel aus war. Zwei kümmerliche Torschüsse in 90 Minuten sprechen Bände. "Wir wollten kompakt stehen", erklärte Mönner nach dem Spiel, "aber irgendwann wurde das eher ein Stehen als ein Spielen." Immerhin: Seine Abwehr hielt bis zur 72. Minute dicht - dann kam die große Stunde des Teenagers Witte. Gerade erst 22 Minuten zuvor eingewechselt, bekam der 17-Jährige einen Pass von Buchholz, drehte sich elegant um seinen Gegenspieler Suarez - der sich wenig später eine Gelbe Karte abholte - und schlenzte den Ball links unten ins Eck. Torwart Alexander Nolte, der zur zweiten Halbzeit den erfahrenen Stoll ersetzt hatte, flog zwar, aber mehr der Form halber. Das Stadion tobte. "Ich hab einfach gemacht, was ich im Training immer mache", grinste Witte nachher. "Nur dass es diesmal nicht über den Zaun ging." Wer glaubte, der HSC würde nun aufmachen, irrte sich. Stattdessen zog sich die Mannschaft noch weiter zurück, als wollte sie das 0:1 in Watte packen. Doch Wusterwitz hatte Blut geleckt. Trainer Fritz brachte in der 70. Minute Johann Zander, und der war sofort mittendrin: Nach einem schnellen Doppelpass über die rechte Seite legte Zander in der 85. Minute quer - und Witte vollendete eiskalt zum 2:0. Ein Tor, das so reif wirkte, dass man kaum glauben wollte, dass der Schütze noch nicht einmal volljährig ist. "Rafael hat heute gezeigt, dass Talent nicht auf den Jahrgang schaut", sagte Fritz, während er sich demonstrativ den Schal richtete. "Ich hätte ihn ja schon früher gebracht, aber der Junge musste noch Hausaufgaben machen." Die letzten Minuten plätscherten dahin, unterbrochen nur von einer Gelben Karte für Marco Müller, der in der 82. Minute meinte, den Ball lieber mit beiden Beinen als mit dem Fuß klären zu müssen. Das Publikum nahm’s mit Humor. Ein älterer Fan rief von der Tribüne: "Der war wenigstens mit vollem Einsatz dabei!" Als Schiedsrichterin Jana Kühn schließlich abpfiff, war die Erleichterung greifbar. Der FC Wusterwitz feierte den dritten Sieg in Folge, während die Haldensleber enttäuscht in die Kabine schlichen. Mönner fasste es trocken zusammen: "Wusterwitz hat gespielt, wir haben zugeschaut. So ist das manchmal." Statistisch war das Ergebnis ohnehin eine klare Angelegenheit: 58 Prozent Ballbesitz, 21 zu 2 Torschüsse, eine Zweikampfquote von fast 58 Prozent. Es war ein Spiel, das zeigte, wie weit der FC Wusterwitz unter Fritz gekommen ist - und wie unbeeindruckt seine jungen Spieler von großen Momenten sind. Witte wurde am Ende zum Spieler des Abends gewählt. Auf die Frage, wie er seinen Doppelpack feiern wolle, antwortete er verschmitzt: "Ich glaube, meine Mutter holt mich gleich ab. Vielleicht gibt’s zu Hause noch Apfelsaft." Und so endete dieser Fußballabend, wie er begonnen hatte - jung, ungestüm und ein bisschen unverschämt. Wusterwitz träumt weiter, Haldensleben sucht Antworten. Und irgendwo im Dunkel des Stadions summte einer: "So jung kommen wir nie wieder zusammen." 25.04.643990 06:02 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer