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Es war ein kalter Freitagabend in der Regionalliga B, aber auf dem Rasen des Augsburger Stadions brannte die Luft. 4.615 Zuschauer sahen ein Spiel, das in seiner wilden Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und defensiver Verzweiflung wohl nur der Fußball hervorbringen kann. Am Ende triumphierte der FC Wusterwitz überraschend, aber verdient mit 4:2 (3:2) beim FC Augsburg - und zeigte, dass Mut manchmal mehr Tore bringt als Ballbesitz. Wusterwitz begann forsch, fast übermütig. Schon nach acht Minuten rappelte es: Johann Zander, 22 Jahre jung und mit der Lunge eines Marathonläufers gesegnet, drosch den Ball nach Vorarbeit von Walther Buchholz trocken unter die Latte. "Ich hab einfach draufgehalten, und plötzlich war’s still im Stadion", grinste Zander später. Still allerdings nur für eine Minute, denn der FC Augsburg antwortete prompt: Herbert Weller, ebenfalls 18, traf nach feinem Doppelpass mit Kay Moser zum 1:1. "Wir wollten gleich zeigen, dass wir leben", schnaufte Weller, der an diesem Abend einer der wenigen Lichtblicke im Augsburger Spiel blieb. Das erste Drittel der Partie glich einem Ping-Pong: Chancen hüben wie drüben, die Statistik verzeichnete bereits nach 20 Minuten sieben Torschüsse für Wusterwitz, vier für Augsburg. Und doch blieb das Gefühl: Die Gäste agierten zielstrebiger, Augsburg spielte gepflegt - aber in die falsche Richtung. Als Jesus Huber in der 27. Minute nach Vorarbeit von Weller das 2:1 für die Hausherren erzielte, schien die Partie zu kippen. "Da dachte ich, jetzt läuft’s", murmelte Augsburgs Trainer - der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollte - nach dem Spiel. Tat es aber nicht. Denn kaum war der Torjubel verklungen, glich Wusterwitz aus: Werner Runge, der Mann fürs Grobe im Mittelfeld, wuchtete den Ball aus 18 Metern ins Eck, als wolle er das Tornetz mit ins Brandenburgische zurücknehmen. Nur zehn Minuten später erhöhte Innenverteidiger Denis Kalaschnikow nach einer Ecke von Hanns Konrad auf 3:2. Ein Kopfball wie aus dem Lehrbuch - und Augsburgs Keeper Carsten Neubauer sah dabei aus, als hätte er gerade überlegt, ob er die Hände wirklich braucht. Mit diesem Rückstand ging es in die Pause. Wusterwitz-Coach Tom Fritz wirkte erstaunlich gelassen. "Wir spielen einfach weiter. Die Jungs haben Spaß, und Spaß ist gefährlich", sagte er mit einem Schmunzeln. Und er sollte recht behalten. In der zweiten Hälfte versuchte Augsburg, das Spiel an sich zu reißen. 55 Prozent Ballbesitz sahen auf dem Papier respektabel aus - auf dem Rasen aber wirkte das eher wie ein Bewerbungsschreiben für den Handball. Wusterwitz verteidigte leidenschaftlich, lauerte auf Konter und schaltete dann blitzschnell um. In der 61. Minute war es schließlich so weit: Finn Roth, der emsige Rechtsaußen, belohnte sich für eine starke Partie und verwandelte eine butterweiche Vorlage von Runge zum 4:2. Danach war der Drops gelutscht. "Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen", gab Augsburgs Kapitän Theo Burton selbstkritisch zu. "Die haben einfach mutiger gespielt. Und, naja, schneller." Tatsächlich wirkte der FC Wusterwitz in fast allen Belangen frischer: 18 Torschüsse gegenüber nur sieben der Hausherren sprechen eine deutliche Sprache. Augsburg kombinierte gefällig, kam aber selten gefährlich in den Strafraum. Wusterwitz dagegen nutzte seine Offensivkraft eiskalt - und hatte mit dem 17-jährigen Luca Philipp sogar noch einen Youngster, der gleich dreimal gefährlich abschloss. Als Schiedsrichterin Silke Marth nach 90 Minuten abpfiff, jubelten die Gäste ausgelassen. Zurecht: Ein Auswärtssieg beim favorisierten FC Augsburg ist kein Zufall. "Ich bin stolz auf die Jungs", sagte Trainer Fritz. "Wir sind jung, wir sind frech, und manchmal reicht das schon." Augsburgs Anhänger hingegen gingen mit hängenden Schultern nach Hause. Zwei Tore, zwei junge Torschützen - das klang schöner, als es sich anfühlte. Denn defensiv war das schlicht zu wenig. Ein älterer Fan auf der Tribüne brachte es auf den Punkt: "Früher haben wir wenigstens schön verloren. Heute ist’s nur noch Arbeit." Vielleicht, ja vielleicht, hat er damit sogar recht. Aber eines war dieser Abend auf jeden Fall: unterhaltsam. Und wenn der FC Wusterwitz diesen Mut beibehält, wird man in der Regionalliga B noch öfter von ihnen hören - sehr zum Leidwesen der nächsten Gegner. 01.10.643987 02:37 |
Sprücheklopfer
Bevor wir für einen Torwart 15 bis 20 Millionen Mark bezahlen, stelle ich mich selbst ins Tor.
Rainer Calmund