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Manchmal dauert Fußball eben länger, bis er sein Drehbuch findet. 92 Minuten lang mühte sich Rush Chorzow am Samstagabend im heimischen Stadion an der ul. Cicha ab, ehe Arkadiusz Wojcicki endlich den Bann brach und das 1:0 gegen GKS Tychy erzielte. 39.074 Zuschauer hatten da schon längst alles erlebt: Chancen im Dutzend, gelbe Karten im Doppelschlag und den verzweifelten Versuch der Gäste, irgendwie über die Mittellinie zu kommen. "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir aufs Tor geschossen haben", grinste Rush-Coach Herth Ussia nach dem Spiel. "Aber ich weiß: Null Schüsse vom Gegner, das ist auch eine Statistik." Und tatsächlich - laut offizieller Auswertung gab Tychy während der gesamten 90 Minuten keinen einzigen Torschuss ab. Dafür musste ihr Torwart Sebastian Ratajczyk gleich 22 Mal eingreifen. Von Beginn an drückte Chorzow aufs Tempo. Schon in der vierten Minute prüfte Torsten Kraft den Keeper, nach neun Minuten wagte sich sogar Innenverteidiger Karol Gilewicz nach vorne und zog aus 20 Metern ab. Es war der Auftakt zu einer einseitigen Partie, die eher einem Belagerungsspiel glich. "Wir standen tief - vielleicht zu tief", murmelte Tychy-Trainer Christian Reuss später mit einem gequälten Lächeln. Die erste Halbzeit bot ein Feuerwerk an Abschlüssen - aber keine Explosion im Netz. Mal scheiterte Adrian Dreszer freistehend, mal traf Wojcicki nur das Außennetz. In der 32. Minute sah Dennis Majak Gelb, vier Minuten später sein Kollege Pablo Calvente - beides eher aus Langeweile als aus Härte, könnte man meinen. Als dann auch noch Torsten Kraft kurz vor der Pause verletzt raus musste, schien das Glück endgültig eine andere Tribüne bezogen zu haben. "Torsten meinte, er habe nur kurz Sternchen gesehen", berichtete Ussia, "aber das war kein Omen, sondern Flutlicht." Nach der Pause änderte sich am Spielbild wenig. Chorzow kombinierte, flankte, schoss - und Tychy verteidigte mit allem, was die Physik hergab. Selbst der 19-jährige Einwechselspieler Christiano Antunes, der in der 45. Minute kam, fand kaum Räume. Doch er sollte noch seine Szene bekommen. In der 92. Minute, als viele Fans schon Richtung Ausgang schlenderten, passte Antunes nach einer Balleroberung im Mittelfeld geistesgegenwärtig in die Tiefe. Wojcicki startete, nahm den Ball mit der Brust an, und drosch ihn aus spitzem Winkel ins lange Eck. Ein Schrei, ein Jubelorkan, ein kollektives Ausrasten. "Ich hab einfach draufgehalten", erklärte der Matchwinner hinterher trocken. "Ehrlich gesagt - ich wollte eigentlich flanken." Während die Chorzower Spieler auf den Zaun kletterten, stand Reuss mit verschränkten Armen an der Seitenlinie. "Fußball ist manchmal grausam", meinte er später. "Aber wenn du keinen Schuss aufs Tor bringst, dann ist er auch gerecht." Die Statistik sprach ohnehin Bände: 53 Prozent Ballbesitz für Rush, 22 Torschüsse, drei Gelbe Karten, null Gegenschüsse. Das klingt weniger nach einem Duell auf Augenhöhe als nach einem Geduldstest für die Heimfans. Und doch war es spannend bis zum Schluss, weil das erlösende Tor so lange auf sich warten ließ. In der Mixed Zone schüttelte Ussia dann den Kopf: "Wir wollten offensiv spielen, haben offensiv gespielt, und am Ende war’s fast zu offensiv - keiner hinten, alle vorne, und trotzdem fällt das Tor erst in der Nachspielzeit. Das ist Fußball. Oder Wahnsinn." Chorzow festigt mit dem Sieg seine Position im oberen Tabellendrittel, während Tychy weiter im grauen Mittelfeld verharrt. Ob Reuss dort an seiner "balancierten Offensive" festhält, bleibt abzuwarten. Vielleicht wäre ein einziger Torschuss ja schon ein Fortschritt. Und für Wojcicki? Der durfte sich als Held des Abends feiern lassen. "Ich hab meiner Mutter versprochen, heute zu treffen", sagte er mit einem Augenzwinkern. "Ich wusste nur nicht, dass sie so lange warten muss." So endete ein Spiel, das alles hatte - außer Spannung im gegnerischen Strafraum. Aber das eine Tor machte alles wett. Und 39.074 Menschen gingen beschwingt nach Hause mit dem Gefühl: Manchmal ist Geduld eben doch ein Tor wert. 26.11.643987 05:15 |
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Gegen uns hätten wir auch gewonnen.
Klaus Allofs