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Manchmal schreibt der Fußball Geschichten, die selbst Drehbuchautoren als zu unglaubwürdig ablehnen würden. 63 Prozent Ballbesitz, 16 Torschüsse, ein Platzverweis für den Gegner - und am Ende steht Wismut Aue mit leeren Händen da. Der 1. FC Kleve entführte am Freitagabend beim 21. Spieltag der Regionalliga C mit einem minimalistischen 1:0 drei Punkte aus dem Erzgebirge. "Das ist schon fast Kunst - ein Tor schießen und dann 70 Minuten Beton anrühren", knurrte Aues Trainer Thomas Freitag nach der Partie, während er sich an seiner Wasserflasche festhielt, als wollte er sie am liebsten gegen die Kabinentür schleudern. Sein Gegenüber Wilfried Kuhse grinste nur und entgegnete trocken: "Manchmal ist die schönste Taktik die Anzeigetafel." Dabei hatte alles nach einem Auer Heimfest ausgesehen. Schon in der zweiten Minute prüfte der junge Adam Waldoch den Klever Schlussmann David Blank mit einem satten Schuss aus spitzem Winkel. Die 5549 Zuschauer im Erzgebirgsstadion rieben sich die Hände - das sah nach einem dominanten Abend aus. Doch dann kam die 21. Minute, und sie kam mit der Wucht eines kalten Regenschauers im Februar. Kleves linker Außenverteidiger Marc Seymour, sonst eher für rustikale Grätschen als für feine Zuspiele bekannt, schlug einen butterweichen Ball auf Michael Rau. Der 19-Jährige fackelte nicht lange, nahm den Ball volley und versenkte ihn zum 0:1 - Kleves erster echter Angriff, Aues erster Rückschlag. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Rau nach dem Spiel mit einem Grinsen, "und gehofft, dass der Ball nicht in den Wald fliegt." Danach spielte fast nur noch Aue. Noe Ze Castro versuchte es gleich dreimal aus der Distanz (13., 16., 34.), Duarte Godino flankte unermüdlich, und Robert Harsanyi tanzte sich durch die gegnerische Abwehr, als wolle er den Ball hypnotisieren. Aber egal, wie oft es krachte und zischte - David Blank im Tor der Gäste hielt, was zu halten war, und manchmal sogar das, was eigentlich unhaltbar schien. "Ich weiß selbst nicht, wie der eine in der 53. Minute nicht drin war", lachte Blank später. "Ich hab nur irgendwas zwischen Ball und Tor gebracht - Knie, Ellbogen, ich glaube sogar meine Stirn." Die zweite Halbzeit begann, wie die erste geendet hatte: mit Wismut-Druck und Klever Leiden. Trainer Freitag schickte seine Jungs noch weiter nach vorn, während von Kleve kaum mehr als vereinzelte Konterversuche kamen. Die Gäste ließen sich tief fallen, stellten jeden Passweg zu und hofften aufs Durchhalten. Und sie hielten durch - zumindest bis zur 87. Minute, als es dann doch noch einmal brenzlig wurde. Marc Seymour, der Vorlagengeber des Abends, sah nach einem übermotivierten Einsteigen glatt Rot. Kleves Trainer Kuhse schüttelte nur den Kopf: "Ich hab ihm gesagt, er soll sich zurückhalten. Aber Marc hört meistens erst zu, wenn’s schon zu spät ist." Doch selbst in Unterzahl ließ Kleve nichts mehr zu. Aue rannte an, flankte, schoss, verzweifelte. Adam Waldoch donnerte in der 89. Minute noch einmal einen Ball knapp über die Latte - sinnbildlich für einen Abend, an dem das Tor wie vernagelt schien. Die Statistik liest sich wie ein schlechter Scherz: 16 zu 4 Torschüsse, 63 zu 37 Prozent Ballbesitz, dazu mehr gewonnene Zweikämpfe. Nur eben kein Tor. "Wir haben alles gemacht außer treffen", sagte Aues Mittelfeldmotor Ze Castro und grinste gequält. "Vielleicht sollten wir beim nächsten Training einfach mal die Latte weglassen." Kleves Spieler jubelten nach dem Abpfiff ausgelassen, als hätten sie gerade die Champions League gewonnen. Und irgendwie fühlte es sich für sie wohl auch so an. Denn dieser Sieg war keiner der schönen Sorte - aber einer der effizienten. Trainer Kuhse fasste es am besten zusammen: "Wenn du in Aue 1:0 gewinnst, darfst du ruhig hässlich spielen. Dafür gibt’s schließlich auch drei Punkte." Aue dagegen bleibt ratlos zurück - und vielleicht ein kleines bisschen verzaubert von der unlogischen Logik des Fußballs. Denn manchmal entscheidet eben nicht die Statistik, sondern der eine Moment, in dem ein 19-Jähriger namens Michael Rau einfach draufhält. Und während die Flutlichter langsam erloschen, murmelte ein älterer Fan auf der Tribüne: "Früher hieß das noch Pech, heute nennt man’s Expected Goals." Ein Satz, der das Spiel wohl besser beschreibt als jede Taktikanalyse. 21.05.643993 23:30 |
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