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Es war einer dieser Abende, an denen man das Gefühl hatte, der Rasen glühe unter den Stollen. 27.000 Zuschauer im Stadion von Lodz, Flutlicht, knackige Kälte - das Setting für einen dieser klassischen 1.-Liga-Polen-Abende, die irgendwo zwischen Leidenschaft und Wahnsinn pendeln. Und Widsev Lodz machte das Beste daraus: Ein souveränes 2:0 gegen SK Pruszkow, das so klar war, wie das Ergebnis klingt - und doch reichlich Geschichten erzählte. Schon in der 7. Minute, als viele Zuschauer noch mit der Wurst in der Hand auf der Treppe standen, schlug Yannik Koch zu. Der 32-jährige Flügelflitzer nahm eine schöne Ablage von Zoran Rukavina auf, drehte sich elegant um seinen Gegenspieler wie ein Tänzer beim Frühlingsball und drosch den Ball trocken ins lange Eck. "Ich hab einfach draufgehauen. Wenn du zu lange nachdenkst, ist der Ball schon weg", grinste Koch später, als er mit einem halben Liter isotonischem Getränk (angeblich) anstieß. Pruszkow, defensiv eingestellt wie ein misstrauischer Türsteher, brauchte lange, um überhaupt in den Rhythmus zu kommen. Trainer Stefan Petruck hatte sein Team im 4-5-1 tief gestaffelt, mit Betonmischern in der Abwehr und langen Bällen auf die jungen Stürmer Spizak und Preston. Doch was hilft der schönste Beton, wenn vorne keiner die Schaufel findet? Zwar hatte Pruszkow über die Flügel ein paar ordentliche Momente - insbesondere der 19-jährige Zbigniew Spizak prüfte Lodz-Keeper Carlos Conceicao zweimal (37., 41. Minute) - doch am Ende blieb es beim Versuch. Widsev kontrollierte Ball und Gegner. 59,5 Prozent Ballbesitz sprechen eine deutliche Sprache - und es war kein steriles Ballgeschiebe, sondern zielstrebig und variabel. Finlay Long, der schottische Dauerläufer auf links, wirbelte unermüdlich, schoss zwar einmal den Ball auf die Tribüne, aber immerhin mit Stil. "Das war Absicht", behauptete er später lachend. "Da saß mein Cousin, ich wollte ihn wachhalten." Kurz nach der Pause dann der Moment, in dem das Publikum kurz den Atem anhielt: Ein wilder Konter Pruszkows über den eingewechselten Nenad Zdravkovic, dessen Schuss in der 56. Minute nur knapp am langen Pfosten vorbeiging. "Wenn der reingeht, kippt das Spiel vielleicht", murmelte Petruck hinterher - und hatte vermutlich recht. Stattdessen folgte die Szene, die den Abend entschied: In der 84. Minute zog Patrick Paul, Lodz’ Stratege im Mittelfeld, aus 20 Metern ab. Der Ball, leicht abgefälscht, schlug unhaltbar im rechten Eck ein. Vorlage? Natürlich wieder Yannik Koch. Die Lodzer Bank sprang auf, als wäre das 3:0 gefallen. Trainer - dessen Name in den Unterlagen leider nicht überliefert ist, wir nennen ihn einfach "der Mann mit dem Plan" - klatschte zufrieden in die Hände. "Das war genau das, was wir wollten: Geduld, Kontrolle, und dann im richtigen Moment zustoßen", sagte er danach. Man glaubt’s ihm. Pruszkow versuchte in der Schlussphase noch einmal alles, brachte den jungen Joaquin Maniche ins Zentrum, doch außer einer späten Gelben Karte für den erfahrenen Verteidiger Veljko Ivic (79.) blieb der Eintrag ins Spielprotokoll mager. Die Gäste aus der Vorstadt wirkten bemüht, aber harmlos - wie eine Katze, die faucht, aber keine Krallen hat. Die Statistik unterstreicht das Bild: 11:8 Torschüsse für Lodz, Zweikampfquote knapp über 52 Prozent, und vor allem die Ruhe im Passspiel. Während Pruszkow mit langen Bällen und Hoffnung agierte, ließ Lodz den Ball laufen, bis der Gegner schwindlig wurde. Nach dem Schlusspfiff feierte das Stadion, als hätte man gerade die Meisterschaft gesichert. "Das war ein Statement", meinte Doppeltorschütze Patrick Paul auf dem Weg in die Kabine - auch wenn er nur einmal traf, ließ man ihm das durchgehen. Humor hat der Mann. Und SK Pruszkow? Trainer Petruck blieb gefasst: "Wir haben gesehen, wo wir stehen. Lodz spielt im Moment einfach eine Klasse cleverer. Aber aufgeben? Niemals." Dann zog er die Mütze tiefer ins Gesicht und verschwand in der Lodzer Nacht. Am Ende bleibt ein verdienter Sieg, ein zufriedenes Publikum und das Gefühl, dass Widsev Lodz mehr kann als nur solide Heimspiele. Wenn sie diesen Rhythmus halten, könnte es ein heißer Frühling in der 1. Liga Polen werden - und das nicht nur wegen der Flutlichtwärme. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen sagte: "Zwei Tore, null Stress - so mag ich meinen Fußball." Man möchte ihm nicht widersprechen. 14.10.643990 12:43 |
Sprücheklopfer
Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber.
Andreas Möller