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Es war ein dieser typischen Freitagabende in der Landesliga 32: Flutlicht an, Bratwurstduft über dem Rasen, 2254 Zuschauer mit kalten Händen und warmem Herzen - und zwei Mannschaften, die sich nichts schenken wollten. Am Ende jubelte Borussia Neunkirchen über einen 2:1-Auswärtssieg in Westerrade, der nicht unverdient, aber hart erkämpft war. Dabei begann alles so verheißungsvoll für die Gastgeber. In der 23. Minute zog Janis Adler von rechts außen ab, nachdem Jakob Hoppe ihm den Ball in den Lauf gelegt hatte - und plötzlich stand es 1:0. "Ich hab’ einfach mal draufgehalten", grinste Adler nach dem Spiel, noch voller Adrenalin. "Normalerweise fliegt der über die Tribüne." Diesmal aber zappelte das Netz - und Westerrade wähnte sich auf der Siegerstraße. Doch wer Neunkirchen kennt, weiß: Die jungen Wilden um Trainer Kada Schmide haben kein Interesse an höflichem Gastfußball. Nur acht Minuten später kombinierte sich der 19-jährige Javier Montanes durch das Mittelfeld, passte elegant in die Spitze auf Manuel Maniche - und der fackelte nicht lange. 1:1, und plötzlich war Westerrades Defensive mehr mit sich selbst beschäftigt als mit dem Gegner. "Wir waren kurz im Tiefschlaf", knurrte Westerrades Routinier Olav Wurst, der später selbst noch Gelb kassierte. "Da hat’s bei uns hinten einfach geklingelt, weil keiner aufgepasst hat." Und als hätte Borussia Gefallen am Chaos gefunden, legten sie gleich nach. In der 37. Minute flankte der 18-jährige Meik Arndt auf Matthias Arnold, der per Direktabnahme traf - eiskalt und präzise. 1:2, die jungen Borussen drehten das Spiel innerhalb von 15 Minuten. Trainer Schmide konnte sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen: "Wir haben gesagt, wir spielen mutig. Und wenn’s schiefgeht, dann wenigstens mit Stil." Westerrade stemmte sich dagegen - zumindest phasenweise. Joshua Ziegler prüfte den Gästekeeper Luis Eximeno gleich mehrfach (11., 14., 58., 70. Minute), doch der 19-Jährige zwischen den Pfosten war an diesem Abend nicht zu überwinden. "Der Eximeno war heute wie eine Katze auf Espresso", meinte ein Fan auf der Tribüne, während er sich ein weiteres Bier gönnte. Statistisch gesehen hätte Westerrade das Spiel wohl gewinnen müssen - 54 Prozent Ballbesitz, neun Torschüsse, mehr Passsicherheit. Aber Fußball hat bekanntlich nichts mit Statistik zu tun, sonst würde Bayern nie verlieren. Borussia Neunkirchen dagegen nutzte ihre 13 Abschlüsse clever aus, spielte schnörkellos und mit jugendlicher Unbekümmertheit. Die zweite Halbzeit war dann ein taktisches Schachspiel: Westerrade mit "balanced"em Angriff (wie es die Analysten später nennen würden), aber ohne echtes Pressing - zu brav, zu abwartend. Neunkirchen hingegen blieb kompakt, lauerte auf Konter und brachte frische Kräfte: Der 17-jährige Nico Heise ersetzte den starken Arnold, wenig später kam Günther Berndt für Doppeltorschütze Maniche. Das Durchschnittsalter der Gäste? Zwischen Schulabschluss und Führerscheinprüfung. Die Schlussphase hatte es in sich - weniger fußballerisch, mehr pädagogisch. Westerrade verteilte noch drei Gelbe Karten: Pascal Heinemann (5.), Otto Max (68.) und dann Olav Wurst (85.) - als wolle man wenigstens in der Statistik führen. In der Nachspielzeit sah auch noch Jakob Hoppe Gelb, nachdem er den Ball wütend ins Seitenaus drosch. "Ich wollte nur zeigen, dass ich noch Kraft habe", kommentierte Hoppe trocken. Borussia verteidigte das Ergebnis mit jugendlicher Sorglosigkeit und einem Schuss Glück. In der 94. Minute hatte Hoppe noch die große Chance zum Ausgleich, aber Eximeno kratzte den Ball aus dem Winkel - der Schlusspunkt eines Abends, der für Westerrade eher bitter schmeckte. Trainer Schmide fasste es nach dem Abpfiff zusammen: "Wir haben heute gezeigt, dass man auch mit 19 Jahren schon Landesliga kann." Und Westerrades Coach - der sich den Kommentar sparte, aber mit einem tiefen Seufzer die Kabine betrat - wird sich gedacht haben: Manchmal ist Erfahrung eben keine Garantie für Punkte. Am Ende blieb das Gefühl, einem kleinen Generationenwechsel beigewohnt zu haben. Die Alten rannten, die Jungen trafen. Und während die Flutlichtmasten langsam erloschen, stand auf der Anzeigetafel: Westerrade 1, Borussia Neunkirchen 2. Ein Ergebnis, das in der Statistik nüchtern aussieht - aber auf dem Platz eine ganze Geschichte erzählte. Oder, wie ein älterer Zuschauer beim Hinausgehen murmelte: "Die Burschen aus Neunkirchen - frech, flink und verdammt effektiv. So spielt man heute Fußball." 01.05.643987 21:42 |
Sprücheklopfer
Wer Erster ist, hat immer recht. Ich habe also recht. Und wenn ich Fünfter bin, können Sie wieder mit mir reden.
Otto Rehhagel