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Es war einer dieser Abende im Allgäu, an denen der Wind mehr Laufarbeit leistet als mancher Außenverteidiger. 14.197 Zuschauer kamen ins Stadion von Weiler im Allgäu, um zu sehen, ob ihre Jungs gegen den VfB Bösingen den Klassenerhalt in der 3. Liga praktisch eintüten können. Am Ende stand ein 1:1, das sich weder nach Sieg noch nach Niederlage anfühlte - eher nach einer zähen Mischung aus beidem. Schon in den ersten Minuten ließ sich erahnen, dass Weiler-Trainer Mino Raiola seine Elf auf Angriff getrimmt hatte. Jannick Fritsch prüfte den Bösinger Keeper Kamil Chalaskiewicz bereits nach 60 Sekunden, als wolle er ihm zeigen, was ein langer Abend werden könnte. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, aber da kam der Jannick wie ein D-Zug", grinste Chalaskiewicz später, sichtlich erleichtert, dass der Ball über die Latte flog. Doch Bösingen, trainiert vom stets jovialen Charlie Brown, ließ sich davon nicht beeindrucken. Mit 57 Prozent Ballbesitz übernahmen die Gäste bald die Kontrolle, ließen den Ball laufen, als hätten sie ihn im Abo bestellt. Und in der 30. Minute fiel das, was sich angedeutet hatte: Nevio Pena, quirliger Linksaußen mit der Ballbehandlung eines Jongleurs, traf nach feinem Zuspiel von Artur Afzelius zum 0:1. Ein Treffer aus dem Lehrbuch - und aus Sicht der Heimfans aus einem Albtraum. "Wir haben kurz vergessen, dass man auch verteidigen darf", knurrte Weilers Innenverteidiger Mark Herrmann, der zuvor schon Gelb gesehen hatte. Das 0:1 zur Pause schmeckte Raiola überhaupt nicht. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Stil - also offensiv", verriet der Trainer später mit einem ironischen Lächeln, während er demonstrativ an seinem Espresso nippte. In der zweiten Halbzeit kamen tatsächlich frische Ideen - und frische Beine. Heinrich Foerster, gerade mal 19 Jahre jung, kam zur 60. Minute für den gelbbelasteten Robin Born. Und nur zwei Minuten später zeigte der Nachwuchsmann, warum man ihn in Weiler "den Taktgeber von der Tankstelle" nennt: Mit einem präzisen Steckpass fand er Michael Siebert, der eiskalt zum 1:1 einschob. Der Jubel hallte durchs Tal, als hätte Weiler gerade den Aufstieg klargemacht. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du nach 62 Minuten endlich mal triffst, darfst du ruhig kurz die Welt umarmen", grinste Siebert nach dem Spiel. Danach wogte die Partie hin und her. Weiler hatte insgesamt 13 Torschüsse, Bösingen deren 10 - und beide Keeper durften sich über ausreichend Beschäftigung freuen. In der 77. Minute dann der Schreckmoment: Vlado Horvat blieb nach einem Zweikampf liegen, hielt sich das Knie und wurde minutenlang behandelt. "Das sah gar nicht gut aus", murmelte ein älterer Herr auf der Haupttribüne, während die Sanitäter den jungen Flügelspieler vom Feld begleiteten. Bösingen drückte in der Schlussphase noch einmal, Nevio Pena versuchte es gleich dreimal, aber Weilers Torhüter Costica Rotariu hielt, was zu halten war - und manchmal auch das, was eigentlich unhaltbar schien. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft", sagte der Keeper hinterher lachend. Als Schiedsrichterin Maike Bender nach 94 Minuten abpfiff, war die Erleichterung auf beiden Seiten greifbar. Raiola klatschte sein Team ab, Brown schüttelte den Kopf - und beide wussten, dass dieser Punkt in der Tabelle wohl keinem so richtig hilft, aber auch keinem schadet. "Wir hätten das Spiel schon in der ersten Halbzeit entscheiden können", meinte Bösingens Torschütze Pena, "aber wir haben Weiler leben lassen - und die haben das gnadenlos genutzt." Trainer Brown sah’s ähnlich, aber mit britischem Humor: "Wenn du auswärts führst und am Ende 1:1 spielst, bist du entweder unzufrieden oder ehrlich - ich bin beides." Weiler dagegen feierte das Remis wie einen kleinen Sieg. 42 Prozent Ballbesitz, drei Gelbe Karten, ein verletzter Flügelspieler - und trotzdem einen Punkt gegen einen spielstarken Gegner. "Das ist Allgäuer Effizienz", kommentierte Raiola trocken. Und so ging ein lauer Märzabend zu Ende, an dem Fußball keine Wissenschaft, sondern wieder einmal ein bisschen Wahnsinn war. Vielleicht war es kein großer Fußball, aber es war ehrlicher Fußball - mit Grasflecken, Krämpfen und Herz. Und im Allgäu reicht das manchmal völlig aus, um 14.000 Menschen glücklich nach Hause zu schicken. 07.10.643993 23:00 |
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Klaus Toppmöller