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Es war ein Abend, wie ihn die 12.908 Zuschauer im kleinen Stadion von Weiler im Allgäu so schnell nicht vergessen werden: Flutlicht, Frühlingskühle, und ein Heimteam, das anrannte, als hinge die Welt davon ab - und doch erst spät belohnt wurde. Am Ende stand ein 1:1 gegen das clever verteidigende Zukunft Magdeburg. Kein Spiel für Feingeister, aber eines für Statistiker und Herzpatienten. Denn die nackten Zahlen erzählen bereits eine Geschichte: 19 Torschüsse für Weiler, nur 4 für die Gäste. Doch Ballbesitz? Da hatte Magdeburg mit 57,7 Prozent klar die Nase vorn. Trainer Mino Raiola - ja, jener Mino Raiola, der offenbar eine zweite Karriere im Allgäu gefunden hat - grinste nach Abpfiff: "Ich sag’s mal so: Wir hatten den Ball weniger, aber die besseren Ideen. Leider erst ab der 73. Minute." Bis zu diesem erlösenden Moment war es ein Geduldsspiel. Zukunft Magdeburg kam mit einer defensiven Grundordnung, einer Art fahrender Betonmischer in Blau. Schon nach wenigen Minuten war klar: Hier würde kein Feuerwerk gezündet, sondern eine Mauer hochgezogen. "Wir wollten kompakt stehen", erklärte Gästecoach FC Zukunft nach dem Spiel mit bedeutungsschwerer Miene. "Und das haben wir so gut gemacht, dass wir uns selbst kaum wiedergefunden haben." Trotzdem gelang den Gästen kurz vor der Pause der Treffer des Abends - zumindest bis dahin. In der 42. Minute schlug Magdeburgs Mittelstürmer Wilhelm Gerlach eiskalt zu. Nach einem langen Ball von Innenverteidiger Harald Konrad stand Gerlach plötzlich allein vor dem Tor, ließ Weilers Keeper Hanns Peter (17, mit dem Gesichtsausdruck eines Jugendlichen kurz vor der Matheklausur) keine Chance und schob überlegt ein. 0:1. Ein typischer Treffer jener Sorte, die man "aus dem Nichts" nennt - und doch aus Versehen perfekt getimt war. Weiler lief an, versuchte alles, und wenn es eine Statistik für "haareraufende Zuschauer" gäbe, sie wäre wohl in den dreistelligen Bereich geschossen. Jannick Fritsch, der junge Mittelstürmer, prüfte den Magdeburger Schlussmann Helmut Hinz schon in der 6., 12. und 24. Minute - immer wieder knapp vorbei, immer wieder begleitet vom kollektiven "Oooh!" der Tribüne. "Da denkst du irgendwann, das Tor hat was gegen dich", stöhnte Fritsch später. Nach der Pause dasselbe Bild: Weiler im Dauerdruck, Magdeburg mit dem Ball, aber ohne Ziel. Raiola brachte frische Beine: Der 18-jährige Ben Meister kam für Erskine, Claudiu Ungureanu ersetzte den jungen Todorow, und Vlado Horvat durfte für Ronald Bertram ran. Der Mut wurde belohnt. In der 73. Minute endlich der Ausgleich: Linksverteidiger Eilert Olsson tankte sich über den Flügel durch, flankte scharf nach innen - und Fritsch vollendete per Direktabnahme zum 1:1. Stadionexplosion. Bierduschen. Euphorie pur. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Olsson nachher, "aber Jannick war halt im Weg." Von da an roch es nach Sieg. Weiler drückte, Magdeburg wankte. Schüsse im Minutentakt: Scherer (85.), Linke (86./87.), Hierro (90.) - aber Hinz im Gästetor hatte offenbar magnetische Handschuhe. Selbst eine Gelbe Karte für Hierro (81.) konnte den Offensivdrang nicht bremsen, eher im Gegenteil. "Ich hab ihn gefragt, ob er das ernst meint, und er hat nur gelacht", erzählte Hinz über den hitzigen Moment mit dem rechten Verteidiger. "So Spiele sind wie ein Rätselheft", meinte Raiola in der Pressekonferenz. "Du weißt, du hast alle Buchstaben, aber das Lösungswort fällt dir erst ein, wenn’s zu spät ist." Sein Gegenüber FC Zukunft nickte zustimmend: "Ein Punkt hier ist Gold wert. Und für die Zuschauer war’s sicher unterhaltsam - zumindest für die neutralen." Unterhaltsam war es in jedem Fall. Weiler setzte auf Offensive, Magdeburg auf Organisation - und am Ende stand ein Resultat, das beiden weder weh tat noch weiterhalf. Aber immerhin: ein Abend mit Geschichten. Der junge Torwart Peter, der trotz Gegentor stark spielte. Der unermüdliche Fritsch, der sich endlich belohnte. Und ein Publikum, das selbst beim Abpfiff noch sang (nicht schön, aber laut). Wie sagte ein älterer Fan beim Hinausgehen zu seinem Enkel? "Früher haben wir solche Spiele verloren. Heute holen wir wenigstens einen Punkt." Vielleicht fasst das den Abend besser zusammen als jede Statistik. Und irgendwo im Hintergrund klang noch Raiolas Stimme, halb ironisch, halb stolz: "Ich hab gesagt, wir spielen offensiv - ich hab nur nicht gesagt, dass wir treffen." 19.01.643994 23:00 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler