// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war ein Mittwochabend, an dem sich das Allgäu einmal mehr in eine brodelnde Fußballarena verwandelte. 6.750 Zuschauer drängten sich im schmucken Stadion von Weiler im Allgäu, um den Auftakt zur Gruppenrunde des Liga-Pokals (3. Liga / 2. Div) zu erleben. Und sie bekamen alles, was das Herz des neutralen Fans begehrt: eine Halbzeit zum Vergessen, eine zweite zum Feiern und ein 2:2, das beiden Seiten irgendwie zu wenig war. SV Tumlingen begann, als hätte Trainer Buddy Brown seinen Spielern vor dem Anpfiff Pfefferschoten statt Pasta serviert. Schon in der 7. Minute klingelte es: Der 19-jährige Edward Sutherland zog von links nach innen, bekam den Ball von Alejandro Carvalho aufgelegt und schlenzte ihn ins lange Eck. Heimkeeper Robert Schöne konnte nur hinterherschauen - 0:1. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", stöhnte er später mit einem gequälten Lächeln. Weiler versuchte, sich zu schütteln, doch Tumlingen blieb gnadenlos. Laurent Doucet, ein Wirbelwind mit französischem Charme und Allgäuer Kälte, erhöhte in der 14. Minute nach feinem Zuspiel von Danilo Paludi auf 0:2. Die Tumlinger Fans jubelten, Weiler-Trainer Mino Raiola raufte sich die Haare - und das nicht nur aus modischen Gründen. "Wir haben 20 Minuten lang so gespielt, als wäre der Ball radioaktiv", schimpfte er später. Statistisch war Tumlingen das aktivere Team: 15 Torschüsse, 55 Prozent Ballbesitz, dazu eine Tacklingquote von über 52 Prozent. Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn Zahlen Tore garantieren würden. Nach der Pause änderte sich das Bild - und zwar drastisch. Raiola brachte Robin Born und den jungen Jürgen Linke, stellte um auf wütendes Angriffsspiel. Und siehe da: Weiler wachte auf. In der 68. Minute fiel der Anschluss. Felipe Gama, der quirlige Linksaußen, nahm eine Flanke von Rechtsverteidiger Oliver Breadalbane volley und traf aus spitzem Winkel - 1:2! Das Stadion explodierte. Gama rannte zur Trainerbank, breitete die Arme aus und rief: "Jetzt glaubt ihr’s mir endlich!" Raiola grinste nur und brüllte zurück: "Noch eins, mein Sohn, noch eins!" Zwei Minuten später kam das "Noch eins" tatsächlich. Ronald Bertram, 20 Jahre jung und sonst eher für seine Frisuren als für seine Treffer bekannt, zog aus 18 Metern ab. Der Ball touchierte noch den Innenpfosten und zappelte im Netz - 2:2! Tumlingens Keeper Jan Kluge schlug wütend den Rasen, während sein Trainer Buddy Brown an der Seitenlinie in sich zusammensank. "Wir haben aufgehört, Fußball zu spielen", knurrte Brown später. "Vielleicht dachten manche, 0:2 reicht schon zum Duschen." In den letzten zwanzig Minuten entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Gama scheiterte zweimal knapp (80. und 82.), während Tumlingens Carvalho in der Nachspielzeit einen Schuss nur Zentimeter über die Latte jagte. Die Zuschauer standen längst, peitschten ihre Teams nach vorne - ein Pokalabend, wie man ihn sich wünscht. Nach dem Schlusspfiff lagen die Emotionen offen. Weilers Kapitän Robin Born, der zur zweiten Halbzeit gekommen war, sagte mit heiserer Stimme: "Das war ein Weckruf. Wir haben gezeigt, dass wir Charakter haben. In der Pause war’s still in der Kabine - und dann kam der Blick von Raiola. Da wussten wir: Jetzt oder nie." Tumlingens Doucet hingegen wirkte zerknirscht. "Wir hatten sie im Griff. Aber Fußball ist grausam. Wenn du zwei Tore vorne bist und dann schlafen gehst, wirst du bestraft." Auch taktisch war das Spiel ein Lehrstück: Tumlingen blieb über 90 Minuten offensiv ausgerichtet, vertraute auf seine Flügel, während Weiler den Ball lieber laufen ließ, aber in Halbzeit zwei das Tempo anzog. Beide Teams spielten mit "balanced passing" - doch Weiler hatte am Ende den längeren Atem. Und so stand nach 90 Minuten ein 2:2 (0:2), das sich für Weiler wie ein Sieg und für Tumlingen wie eine Niederlage anfühlte. Mino Raiola fasste es trocken zusammen: "In der ersten Halbzeit haben wir ihnen Geschenke gemacht, in der zweiten haben wir sie zurückgenommen." Buddy Brown nickte nur stumm - vielleicht auch, weil er ahnte, dass dieser Punktverlust im Liga-Pokal noch teuer werden könnte. Ein augenzwinkerndes Schlusswort gefällig? Wenn Weiler so weitermacht, braucht man im Allgäu bald keine Kässpatzen mehr, um warm zu werden - das schafft die Mannschaft ganz von selbst. 04.12.643993 13:58 |
Sprücheklopfer
Ausblick, Ausblick, warum denn immer einen Ausblick? Worauf denn? Vielleicht einen Ausblick auf dieses Interview hier?
Christoph Daum