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4500 Zuschauer hatten sich am frostigen Dienstagabend im Stadion am Bösinger Berg eingefunden, um den 13. Spieltag der 3. Liga Deutschland (2. Div) zu erleben. Und sie bekamen ein Spiel, das irgendwo zwischen Operette, Actionfilm und Tragikomödie pendelte. Am Ende jubelte das Team aus Weiler im Allgäu, das mit 3:1 über den heimischen VfB Bösingen triumphierte - und das, obwohl es eine knappe Viertelstunde lang in Unterzahl spielen musste. "Wir haben heute einfach Bock gehabt", grinste Weilers Trainer Mino Raiola nach dem Spiel und zog demonstrativ den Reißverschluss seiner Jacke bis ganz nach oben. "Bösingen hatte mehr Ballbesitz, aber wir hatten mehr Spaß - und Tore zählen nun mal." Damit traf er den Nagel auf den Kopf: 55 Prozent Ballbesitz für Bösingen, zwölf Torschüsse für Weiler, acht für die Gastgeber - und am Ende stand ein Ergebnis, das klarer kaum hätte sein können. Dabei begann alles nach Plan für die Hausherren. Trainer Charlie Brown hatte sein Team offensiv eingestellt, das Publikum war euphorisch. Bereits in der zweiten Minute prüfte Jake MacLean den Gästetorwart Costica Rotariu mit einem satten Linksschuss. Der Keeper klatschte den Ball ab, und ein älterer Herr auf der Tribüne murmelte: "Na, das kann ja was werden." Es wurde - nur anders, als er dachte. Weiler im Allgäu lauerte auf Konter, und einer davon führte in der 35. Minute zum 0:1. Rechtsverteidiger Michel Hierro stürmte nach vorne, bekam den Ball von Michael Siebert, und drosch ihn aus 18 Metern ins lange Eck. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Hierro später lachend zu. "Aber wenn der Ball rein will, soll man ihn nicht aufhalten." Mit diesem Ergebnis ging es in die Pause. In der Kabine des VfB Bösingen schien Charlie Brown lautstark an den Grundfesten der Kabinenwände zu rütteln, denn kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, da fiel auch schon der Ausgleich. In der 47. Minute zog Mittelfeldmotor Pal Herlovsen nach schöner Vorlage von Innenverteidiger Tal Zorea ab - 1:1, und die Bösinger Fans sprangen von den Sitzen. Doch die Freude hielt exakt zwei Minuten. Weilers Offensivkraft Michael Siebert hatte offenbar keine Lust auf Spannung und traf in der 49. Minute eiskalt zur erneuten Führung. "Ich wollte zeigen, dass man auch mit kalten Füßen warm schießen kann", erklärte er später mit einem Grinsen. Von da an schwamm Bösingen. Felipe Gama, gerade mal 19 Jahre alt, machte in der 66. Minute mit dem 1:3 alles klar - nach Vorarbeit von Hierro, der an diesem Abend überall zu sein schien. Kurz darauf wurde es noch wilder: Bösingens Daniel Antunes sah erst Gelb-Rot (68.), dann flog Weilers Robin Born nach einem übermotivierten Einsteigen direkt mit Rot (69.). "Da war kurz Kirmes auf dem Platz", kommentierte ein Zuschauer trocken. Trotz der hektischen Schlussphase blieb das Spiel entschieden. Bösingen mühte sich, wirkte aber nach dem Platzverweis ideenlos. Coach Brown war nach Schlusspfiff sichtlich bedient: "Wir haben viel gearbeitet, aber Fußball ist kein Schönheitswettbewerb. Leider." Weiler dagegen spielte die Partie souverän zu Ende. Felipe Gama, der Youngster des Abends, hatte sogar noch zwei gute Chancen, die das Ergebnis hätten höher ausfallen lassen können. "Ich hab mich gefühlt wie in einem Videospiel", lachte der 19-Jährige später. "Immer wenn ich dachte, jetzt ist Schluss, kam der Ball wieder zu mir." Statistisch gesehen war der Sieg vielleicht nicht zwingend - doch in Sachen Effizienz war Weiler im Allgäu schlicht besser. Drei Tore aus zwölf Abschlüssen, das ist eine Quote, bei der selbst Bundesligisten neidisch werden könnten. Und das bei einem Team, das am Vortag noch auf matschigem Trainingsplatz zwischen zwei Maulwurfshügeln übte. Fazit: Während Charlie Browns Bösinger Elf trotz engagiertem Spiel leer ausging, zeigte Weiler im Allgäu, dass man mit schnellem Umschalten, jugendlicher Unbekümmertheit und einer Prise Chaos drei Punkte holen kann. "Fußball ist manchmal einfach - man muss nur öfter treffen als der Gegner", sagte Raiola zum Abschied und zwinkerte. Und irgendwo hinter der Haupttribüne hörte man einen Fan murmeln: "Wenn die so weitermachen, fahren die nächsten Saison vielleicht nach Sandhausen - als Favorit." Ein augenzwinkerndes Schlusswort für ein Spiel, das wieder einmal bewies: Ballbesitz gewinnt keine Spiele - Tore schon. 07.06.643987 00:35 |
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