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Das Flutlicht brannte über Tumlingen, als sich 6.500 Zuschauer am Donnerstagabend auf einen dieser Abende freuten, an denen der Fußball angeblich "gerechte Ergebnisse" liefert. Nun ja - angeblich. Am Ende hieß es 1:2 (1:1) aus Sicht des SV Tumlingen gegen Weiler im Allgäu, und wenn man ehrlich ist, stand auf der Anzeigetafel weniger Ballbesitzgerechtigkeit als kalte Effizienz. Dabei begann alles so, wie es sich Heimtrainer Buddy Brown in seinen Notizblock gemalt haben dürfte: Tumlingen mit 56 Prozent Ballbesitz, geordneter Aufbau, viel Geduld - und dann kam der 15. Minute ein Schlag ins Gesicht der Spielkontrolle. Weilers Mittelfeldmotor Nick Scherer hatte kurz Platz, bekam den Ball von Vlado Horvat in den Lauf, schaute kurz auf, schlenzte - und schon zappelte das Leder im Netz. "Ich hab’ einfach mal abgezogen, weil keiner rauskam", grinste Scherer nach dem Spiel, während Brown an der Seitenlinie noch die Stirn rieb. Doch Tumlingen ließ sich nicht beirren. Der junge Carl Moutinho, gerade einmal 19, nahm sich in Minute 33 ein Herz und versenkte nach feinem Zuspiel von Danilo Paludi den Ball zum verdienten 1:1-Ausgleich. Die Fans tobten, Brown ballte die Faust - das Spiel war wieder offen. "Carl ist ein Junge, der nicht viel redet, aber wenn er schießt, redet der Ball für ihn", sagte Brown später mit einem Schmunzeln. Bis zur Pause war Tumlingen die dominierende Mannschaft - mehr Schüsse, mehr Kontrolle, mehr Ideen. Doch Weiler blieb gefährlich: Linus Berger, agiler Linksaußen mit der Statur eines Marathonläufers, prüfte Keeper Jan Kluge immer wieder. Man hatte das Gefühl, der Mann könnte auch aus der Stadionwurstbude treffen, wenn man ihn ließe. Die zweite Halbzeit begann dann mit einem Paukenschlag - allerdings wieder aus Sicht der Gäste. In der 53. Minute war es erneut Berger, der nach einem langen Pass von Rechtsverteidiger Michel Hierro eiskalt blieb und zum 2:1 für Weiler traf. Tumlingens Abwehr sah dabei aus, als hätte sie kurz den Pausentee verdaut, aber noch nicht die Abwehrordnung. "Wir haben die Mitte nicht dicht bekommen", knurrte Brown später. Und als wäre das nicht genug, dezimierte sich Tumlingen in der 65. Minute selbst: Innenverteidiger Yekta Tosun, schon verwarnt, sah nach einem übermotivierten Einsteigen die Gelb-Rote Karte. "Ich wollte nur den Ball spielen", beteuerte der 20-Jährige, während Brown die Hände über dem Kopf zusammenschlug. "Wenn er den Ball meint, dann war der Ball heute wohl unsichtbar", kommentierte ein Zuschauer trocken auf der Tribüne. Weiler roch Blut, Tumlingen rannte - aber meist ins Leere. Die Gäste stellten nach drei Wechseln (Born, Bertram, Meister kamen zur Stunde) clever um, ließen den Ball laufen und warteten auf Konter. Tumlingen dagegen kämpfte tapfer, kam durch Moutinho und Ramiro noch zu Chancen, doch Torwart Robert Schöne hielt, was zu halten war. "Heute haben wir uns das Glück erarbeitet", sagte Gäste-Trainer Mino Raiola, der nach Abpfiff fast väterlich auf seine Jungs klopfte. Statistisch betrachtet ein Paradoxon: Tumlingen mit 57 Prozent Ballbesitz, 8 Torschüssen - aber nur einem Treffer. Weiler mit 14 Schüssen und zwei Toren - das nennt man dann wohl Effizienz oder einfach: Fußball. Tacklingquote? 47,8 zu 52,2 - auch da die Gäste leicht vorne. Nach dem Abpfiff standen die Tumlinger Spieler minutenlang auf dem Rasen, während von der Gästebank Jubelgesänge hallten. Brown wirkte gefasst, aber nicht glücklich: "Wir haben den Ball, sie haben die Punkte. Irgendwann müssen wir das mal umdrehen." Für Weiler im Allgäu war es der zweite Sieg in Folge - und einer, der Mut macht. "Wir sind jung, wir sind wild, und manchmal reicht das", sagte Doppeltorschütze Berger mit einem breiten Grinsen. Und Tumlingen? Die müssen nächste Woche wohl wieder ihre Lektion in Effizienz nachholen. Vielleicht schreiben sie den Ballbesitz dann einfach auf die Tabelle - wenn’s dort Punkte gäbe, wären sie längst Tabellenführer. Ein Augenzwinkern zum Schluss: Fußball bleibt eben der Sport, bei dem 56 Prozent Ballbesitz nicht mal für 50 Prozent Glück reichen. Doch für Spannung - dafür reicht’s allemal. 16.12.643993 05:38 |
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