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Manchmal genügen 90 Minuten, um aus einem Spiel eine kleine Legende zu machen. Weiler im Allgäu gewann am Freitagabend in der 3. Liga mit 3:2 gegen den TSV Rain - und das vor 12.500 euphorischen Zuschauern, die noch lange nach Abpfiff über das Spielfeld sangen, als wollten sie den Rasen gleich mit in die nächste Woche tragen. Dabei begann alles so gar nicht nach Plan für die Hausherren. TSV Rain, taktisch gewohnt ausgewogen, legte los wie der namensgebende Wolkenbruch: Connor Irwin prüfte Weilers Keeper Costica Rotariu bereits in der ersten Minute, Karl Benz flankte in der zweiten, und spätestens nach zehn Minuten wusste jeder, dass das hier kein Spaziergang werden würde. "Wir wollten von Anfang an zeigen, dass wir auch im Allgäu Tore schießen können", grinste Rains Trainer Patrick Müller später - wohlwissend, dass sein Team am Ende trotzdem leer ausging. Weiler konterte mit jugendlicher Frechheit. Besonders der 19-jährige Jürgen Linke, ein Stürmer mit mehr Mut als Rasiererfahrung, wirbelte in der Offensive. In der 39. Minute war es dann soweit: Nach einem butterweichen Zuspiel von Samuel Erskine drosch Linke den Ball in die Maschen - 1:0, und das Stadion bebte. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Linke hinterher, "und gehofft, dass der Ball nicht im Kuhstall landet." Doch Rain antwortete prompt. Fünf Minuten später kombinierte sich Karl Benz durchs Mittelfeld, legte für Vitorino Frechaut ab, und der traf abgeklärt zum 1:1. Ein klassischer Stimmungskiller. "Da war kurz Grillabend-Stille im Stadion", meinte Weilers Trainer Mino Raiola mit einem Schmunzeln. Nach der Pause kam Rain besser zurück. In der 51. Minute nutzte Luís Diez eine Unachtsamkeit in der Weiler-Abwehr und schob nach Vorarbeit von Benz zum 2:1 ein. Das Spiel schien zu kippen, der Ballbesitz sprach ohnehin für die Gäste (57 zu 43 Prozent). Aber wer die Allgäuer kennt, weiß: Wenn sie hinten liegen, werden sie erst richtig munter. In der 60. Minute reagierte Raiola mit einer Doppel-Umstellung - die Jugendkarte. Der 17-jährige Ben Meister und der 18-jährige Friedrich Jacobs kamen rein. Und siehe da: Nur eine Minute später schlug das Pendel um. Robin Born legte quer, Nick Scherer stand goldrichtig und schweißte aus 18 Metern zum 2:2 ein. Der Jubel war ohrenbetäubend. "Ich wusste, dass Nick heute was Besonderes macht", raunte Raiola anschließend in die Mikrofone. Und er sollte recht behalten. Denn in der 73. Minute wiederholte sich das Schauspiel: Diesmal kam die Vorlage von Ronald Bertram, und Scherer hämmerte den Ball unhaltbar unten rechts ins Eck. 3:2 - Spiel gedreht, Stadion explodiert. Rain versuchte es noch einmal mit allem, was sie hatten: Irwin, Diez, Benz - sie schossen, sie fluchten, sie rannten. Insgesamt 16 Torschüsse standen am Ende für die Gäste zu Buche, zwei mehr als für Weiler. Doch Rotariu im Tor wuchs über sich hinaus, und als Mariusz Buncol in der 89. Minute auch noch Gelb sah, war klar: Hier brennt nichts mehr an - außer vielleicht die Stimmung auf der Tribüne. Nach Abpfiff klatschten die Fans den jungen Wilden minutenlang Beifall. "Das war pure Energie", sagte Scherer, der mit seinen beiden Treffern zum Mann des Abends wurde. "Ich hab einfach gespürt, dass wir das nicht verlieren dürfen. Außerdem wollte ich mich nicht von den Jungs zum Getränkekauf verdonnern lassen." Trainer Raiola, bekannt für seine launigen Auftritte, fasste das Ganze trocken zusammen: "Wir haben heute Fußball gearbeitet. Nicht schön, aber effektiv. Und wenn du 3:2 gewinnst, fragt keiner mehr nach Ballbesitz." Auf der anderen Seite des Spielfelds stand Patrick Müller mit verschränkten Armen und seufzte: "Zwei Auswärtstore sollten normalerweise reichen. Heute halt nicht. Vielleicht hat der Bergwind was gegen uns gehabt." So bleibt Weiler im Allgäu auch nach dem 19. Spieltag ein echtes Phänomen: ein Team, das mit Herz, Humor und jugendlichem Übermut Fußball lebt - und manchmal sogar gewinnt. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen sagte: "So spielt man hier schon seit 1926 - erst Chaos, dann Krach, dann Glück." Und vielleicht ist genau das das Erfolgsgeheimnis des Allgäus. 04.01.643991 23:43 |
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Geld schießt keine Tore.
Otto Rehhagel