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Es war ein Mittwochabend, wie ihn die Fans des SV Weiersbach so schnell nicht vergessen werden - ob sie wollen oder nicht. 7601 Zuschauer drängten sich in das kleine Stadion, das kurz vor Anpfiff unter Flutlicht in ein Meer aus Blau und Weiß getaucht war. Am Ende jedoch strahlten nur die Gäste aus Weiler im Allgäu - und das mit einem 3:2-Erfolg, der genauso verdient wie glücklich war. Trainer Detlef Meister hatte vor dem Spiel eine "mutige, aber vernünftige Offensive" angekündigt, was ungefähr so klingt wie "ein Diät-Cola zum Schweinshaxn". Und tatsächlich: Von Vernunft war in den ersten 45 Minuten bei Weiersbach wenig zu sehen. Weiler legte los, als wollten sie die Tabelle im Alleingang umschreiben. Bereits in der 18. Minute zappelte der Ball im Netz: Linus Berger vollendete nach feinem Zuspiel von Nelio Meira - 0:1. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Berger später, "und gehofft, dass der Ball nicht auf der Landstraße landet." Kaum hatte Weiersbach den Schock halb verdaut, schlug Weiler erneut zu. In der 34. Minute kombinierte sich Nick Scherer durchs Zentrum, steckte auf Michael Siebert durch, und der traf trocken ins lange Eck - 0:2. "Wir haben uns da wie Statisten gefühlt", murmelte Weiersbachs Innenverteidiger Manuel Bocchigliero später. "Nur dass keiner das Drehbuch kannte." Die Halbzeitpause muss lautstark gewesen sein. Man sah Meister wild gestikulierend in den Katakomben verschwinden, und was auch immer er dort sagte - es wirkte. "Ich hab ihnen einfach erklärt, dass Fußball kein Spaziergang ist", sagte er hinterher trocken. "Eher ein Marathon mit Stolperfallen." Nach Wiederanpfiff startete der SV Weiersbach furios. 15 Torschüsse insgesamt, mehr Ballbesitz (52,5 Prozent) und endlich Durchschlagskraft. In der 53. Minute belohnte sich die Mannschaft: Loris De Luca, der quirlig über links wirbelte, schob nach Vorlage von Jaime Galva zum 1:2 ein. Das Stadion bebte, und plötzlich roch es nach Wende. Weiler wankte, aber fiel nicht. Stattdessen kam, was kommen musste: In der 66. Minute glich Luca Fumagalli mit einem strammen Schuss aus - wieder nach Vorlage von Galva. "Da dachte ich, jetzt kippt das Spiel", sagte Fumagalli später und blickte dabei, als könne er es selbst kaum glauben. 2:2 - wieder alles offen, die Fans sangen sich heiser, und Trainer Meister rieb sich die Hände. Doch kaum eine Minute später sorgte Jannick Fritsch für den endgültigen Stimmungsdämpfer. Der 21-Jährige nutzte einen Stellungsfehler in der Weiersbacher Abwehr und vollendete eiskalt zum 2:3. "Ich hab gesehen, dass der Torwart zu früh runtergeht", erklärte Fritsch später, "da hab ich halt hoch gezielt. Hat ja geklappt." Das Lächeln danach war genauso jugendlich wie selbstbewusst. Weiersbach versuchte alles, drückte, kombinierte, schoss aus allen Lagen - aber Weilers Ersatzkeeper Robert Schöne, gerade mal 18 Jahre jung und zur Pause eingewechselt, hielt, was zu halten war. "Ich hatte einfach Bock", sagte der Teenager lachend, "und ehrlich gesagt: Ich wusste gar nicht, dass ich heute spielen soll." Trainer Mino Raiola (nein, nicht der Agent, sondern sein Namensvetter) grinste nach dem Schlusspfiff: "Die Jungs haben’s verstanden: Wenn man trifft, gewinnt man. So einfach ist Fußball manchmal." Einziger Wermutstropfen für Weiler: Bernd Jahn sah in der 43. Minute Gelb, weil er den Ball wegschlug - "aus Versehen", wie er beteuerte. "Ich wollte nur Zeit schinden, äh, also den Ball sichern." Statistisch war das Spiel ein offener Schlagabtausch: 15:14 Torschüsse, fast ausgeglichene Zweikampfquote (50,6 zu 49,3 Prozent) und zwei Teams, die beide offensiv dachten, aber unterschiedlich konsequent umsetzten. Weiersbach hatte mehr vom Spiel, Weiler mehr vom Ergebnis - und das ist am Ende, wie so oft, das Einzige, was zählt. "Wir haben uns selbst geschlagen", resümierte Meister mit hängenden Schultern. "Zwei Minuten Schlaf reichen, um ein Spiel zu verlieren." Sein Gegenüber Raiola konterte süffisant: "Wir haben halt die Wecker früher gestellt." Als die Flutlichter erloschen, blieb ein Spiel in Erinnerung, das alles hatte: Tempo, Tore, Emotionen und eine Prise Chaos. Weiersbach kämpfte, rannte, biss - und stand doch mit leeren Händen da. Weiler im Allgäu dagegen nahm drei Punkte mit, die in der Tabelle Gold wert sein könnten. Oder wie es ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Das war kein Spiel, das war ein Drama in drei Akten - mit Happy End für die Falschen." 25.06.643993 18:43 |
Sprücheklopfer
Ob rechts oder links, wo ich auftauchte, war ich schlecht.
Mario Basler