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Es gibt Spiele, die beginnen, bevor die Zuschauer ihre Sitzplätze gefunden haben. Und dann gibt es Spiele wie das von FK Hainburg gegen SG Innsbruck - in dem der entscheidende Moment schon vorbei war, bevor der Stadionsprecher überhaupt "Guten Abend" gesagt hatte. Ganze drei Minuten dauerte es, bis Rhys Warrington, der flinke Linksaußen der Hainburger, die 23.944 Zuschauer von den Sitzen riss. Nach Vorarbeit von James Beglin drosch er den Ball aus halblinker Position so kompromisslos in die Maschen, dass Innsbrucks Keeper Mikael Söderberg nur noch den Kopf schütteln konnte. "Ich hab ihn kommen sehen - aber nur ganz kurz", knurrte Söderberg später, halb bewundernd, halb verärgert. Danach passierte, nun ja, nicht mehr allzu viel Zählbares. Aber das heißt nicht, dass nichts los war. Hainburg hatte das Spiel weitgehend im Griff - 52 Prozent Ballbesitz, 14 Abschlüsse, eine ganze Reihe davon sehenswert. Eri Lohmann und Alexander Carey testeten Söderberg mehrfach, als wollten sie prüfen, ob dessen Handschuhe auch im Februar warm genug sind. Innsbruck dagegen kam in 90 Minuten auf ganze drei Schüsse aufs Tor - "und zwei davon waren eher Rückpässe", murmelte ein Fan auf der Tribüne trocken. Trainer Andreas Swoboida, der Mann mit dem stoischen Blick und dem Herz für frühe Tore, zeigte sich nach dem Abpfiff zufrieden, aber nicht euphorisch. "Wir hätten das zweite machen müssen. Aber ehrlich, nach dem 1:0 in der dritten Minute war’s ein ziemlicher Nervenkrimi. Ich hab irgendwann aufgehört, auf die Uhr zu schauen", sagte er und lachte. Innsbruck, das sich taktisch über die gesamte Partie erstaunlich konstant gab - "balanciert" nennt man das in der Fachsprache, "harmlos" in der Fansprache - fand kaum Mittel, um den Hainburger Defensivverbund aus der Ruhe zu bringen. Selbst als in der Schlussphase Pressing erlaubt war, blieb der Ball lieber im Mittelfeld stecken. Ihr junger Stürmer Jesus Dietz hatte in der Nachspielzeit noch die Chance auf den Ausgleich, sein Schuss war aber so zahm, dass Torwart Florian Kirchner sich danach sogar noch Zeit für einen Wischer über die Torstange nahm. Ein bisschen Spannung gab’s trotzdem: In der 53. Minute sah Hainburgs Innenverteidiger Lewis Devaney Gelb, kurz bevor er ausgewechselt wurde - wohl eine vorbeugende Maßnahme von Coach Swoboida. "Lewis ist ein bisschen zu engagiert, wenn er Adrenalin riecht", kommentierte der Trainer trocken. Auf Innsbrucker Seite holten sich Eric Abramson und Jörg Klaus in der Schlussphase ihre Erinnerungs-Gelben ab - vermutlich als Souvenir an einen Abend, an dem sie ansonsten wenig Bleibendes hinterließen. Besonders auffällig war der 18-jährige Hainburger Timm Keller, der im Mittelfeld eine erstaunliche Ruhe ausstrahlte. "Ich hab einfach den Ball laufen lassen", meinte der Youngster nach dem Spiel bescheiden. Der Ball lief tatsächlich - und zwar meistens in die richtige Richtung. Nach 80 Minuten durfte Keller dann Feierabend machen, und mit Walter Bock kam Routine ins Zentrum, um den knappen Vorsprung nach Hause zu tragen. Statistisch betrachtet war Hainburg das klar aktivere Team: 14 zu 3 Torschüsse, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe, etwas mehr Ballbesitz und ein Gegner, der erst spät so tat, als wolle er noch etwas reißen. Innsbruck-Coach - sein Name blieb ungenannt, wohl aus Selbstschutz - sprach von "einem unglücklichen Start, der uns das ganze Spiel gekostet hat". In den letzten Minuten kochte die Stimmung noch einmal, als die Hainburger Fans rhythmisch den Sieg herbeisingten, während Swoboida an der Seitenlinie hektisch gestikulierte - nicht, weil er Angst hatte, sondern weil er offenbar den Linienrichter davon überzeugen wollte, dass Nachspielzeit in diesem Fall reine Zeitverschwendung sei. Mit dem Abpfiff fiel eine Mischung aus Erleichterung und Stolz über das Stadion. Rhys Warrington, der Held des Abends, grinste breit: "Drei Minuten Arbeit, 87 Minuten Zittern - aber Hauptsache drei Punkte." Und das fasste den Abend treffender zusammen als jede Statistik. Ein 1:0, das früh entschieden, aber spät erkämpft wurde - Fußball kann manchmal so einfach und so kompliziert zugleich sein. Schlusswort? Vielleicht nur dies: Wenn man in Hainburg künftig über Blitzstarts spricht, wird man nicht mehr an Autos denken, sondern an Rhys Warrington. 25.04.643990 06:09 |
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Wir werden alle Gewissheiten bis zuletzt ausschöpfen.
Berti Vogts