// Startseite
| Sportwoche |
| +++ Sportzeitung für Österreich +++ |
|
|
|
Wenn ein Fußballspiel eine Achterbahnfahrt sein kann, dann war der 27. Spieltag der 2. Liga Österreich zwischen Vorwärts Steyr und dem FC Höchst der reinste Jahrmarkt. 28.872 Zuschauer füllten das Stadion in Steyr bis auf den letzten Platz - und sie bekamen für ihr Eintrittsgeld so ziemlich alles geboten, was dieser Sport zu bieten hat: Traumtore, zittrige Abwehrreihen, jugendlichen Übermut und ein paar gelbe Karten als Dekoration. Schon in der 13. Minute begann das Drama. Dmitri Makarow, der flinke Flügelspieler der Gäste, traf nach Vorarbeit von Innenverteidiger Jose Maria Morales zum 0:1. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Makarow nach dem Spiel, "aber dann dachte sich der Ball wohl: Ach, ich geh einfach rein." Steyr-Trainer Georgios Karagounis wirkte zu diesem Zeitpunkt noch gelassen, doch nur zwölf Minuten später hatte er den Kaugummi wohl schon durchgekaut - Robert Bossong erhöhte für den FC Höchst auf 0:2, nach schönem Pass von Michael Kopp. Das Publikum murrte, die Steyrer Defensive wirkte wie eine schlecht sortierte Einkaufsliste. Doch dann kam Maurice Lockhart. In der 30. Minute donnerte er den Ball aus halbrechter Position ins Netz - 1:2, und plötzlich war wieder Feuer drin. "Das war der Moment, wo wir wussten: Heute geht noch was", sagte Lockhart später, noch verschwitzt, aber breit grinsend. Zur Pause führte Höchst zwar verdient, doch die zweite Halbzeit begann, als hätte Karagounis heimlich den Espressoautomaten in der Kabine angeworfen. Leider traf zunächst wieder der Gegner: Michael Kopp krönte seine starke Partie in der 48. Minute mit dem 1:3. Die Höchster Bank jubelte, Trainer Ronnie Ekström feuerte seine Spieler an, "jetzt nicht nachlassen!", brüllte er - ein Satz, der sich wenig später als ironisch prophetisch erwies. Denn drei Minuten später schlug Hans Fisker zurück. Der bullige Rechtsaußen, bisher eher unauffällig, netzte nach Pass von Ferenc Safar zum 2:3 ein. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du nachdenkst, ist der Ball schon wieder weg", erklärte Fisker trocken. Und der Mann war offenbar in Stimmung: In der 60. Minute traf er erneut, diesmal nach schönem Zuspiel von Attila Dzsudzsak. 3:3, und das Stadion stand Kopf. Von da an wurde das Spiel zum offenen Schlagabtausch. Beide Teams feuerten, als gäbe es Punkte für Torschüsse - am Ende je elf an der Zahl. Der Ballbesitz? Eine mathematische Punktlandung: 50,0 Prozent für Steyr, 49,9 für Höchst. Es war ein Spiel, das Statistiker glücklich und Trainer nervös machte. Steyrs Jungspund Ernst Hanke, gerade einmal 17 Jahre alt, hatte mehrere Chancen, scheiterte aber jeweils knapp. "Ich dachte, der geht rein - aber der Ball hat wohl noch keinen Führerschein", witzelte er nach dem Spiel. In der 83. Minute dann der Schreckmoment: Günter Block, ebenfalls erst 18, verletzte sich am rechten Knöchel und musste ausgewechselt werden. Verteidiger Antonio Alvar kam für ihn - und holte sich prompt in der 88. Minute eine Gelbe Karte. "Ich wollte eigentlich nur den Ball", verteidigte er sich später, "aber der Ball wollte offensichtlich etwas anderes." Auf der anderen Seite sah auch Höchsts Domingo Deco Gelb, nachdem er in der 86. Minute einen Angriff rustikal beendete. Trainer Ekström nahm’s mit Humor: "Er hat den Ball gar nicht gesehen - aber den Gegner sehr deutlich." In den letzten Minuten roch das Spiel noch einmal nach einem Sieger, doch beide Keeper ließen sich nicht mehr überwinden. Jörg Pan auf Seiten der Höchster und Phillip Kurz im Tor der Steyrer hielten, was zu halten war. Als Schiedsrichter Müller endlich abpfiff, fielen einige Spieler einfach auf den Rasen - nicht aus Frust, sondern aus Erschöpfung. "Das war wie ein Tennismatch ohne Netz", fasste Karagounis später zusammen. Sein Kollege Ekström nickte anerkennend: "Ein gerechtes Unentschieden - auch wenn ich mir das anders vorgestellt hatte." So blieb es beim 3:3, einem Ergebnis, das niemanden richtig glücklich, aber auch niemanden unzufrieden machte. Und während die Fans nach Hause gingen, summte einer auf der Tribüne: "So muss Fußball sein - laut, wild und völlig unberechenbar." Und ehrlich gesagt: Recht hat er. 27.11.643987 14:45 |
Sprücheklopfer
Wir haben die Chancenverwertung nicht verwertet.
Andreas Brehme