// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Wenn in Speldorf die Flutlichter angehen, riecht es nach Bratwurst, kaltem Wind und gelegentlich nach Fußballwunder. Am 20. Spieltag der Regionalliga C traf der heimische VfB Speldorf auf die junge Truppe des 1. FC Kaiserslautern - und nach 95 intensiven Minuten hieß es 2:1 für die Gastgeber. 4053 Zuschauer erlebten eine Partie, die so viele Wendungen hatte wie der Drehbuchentwurf einer Netflix-Serie, nur mit mehr Grätschen und weniger Budget. Schon in der 11. Minute bebte das Stadion. Der erst 18-jährige Barak Suan, Speldorfs rechte Rakete, traf nach feinem Zuspiel von Routinier Leif Kraft zum 1:0. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Suan nach dem Spiel, "aber der Ball hat sich wohl anders entschieden." Trainer Jakob Meier lachte am Spielfeldrand herzhaft - vielleicht auch, weil er wusste, dass das frühe Tor seinen taktischen Plan perfekt bestätigte: kompakt stehen, dann schnell nach vorne. Kaiserslautern, trainiert vom stets gestenreichen Franco Fado, ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. "Wir sind jung, aber nicht naiv", erklärte Fado später. Seine Mannschaft spielte schnörkellos, hatte insgesamt 14 Schüsse aufs Tor - vier mehr als der VfB - und kam mehrfach gefährlich durch Jacek Rasiak und Thomas Eliot. Doch Speldorfs Keeper Stephan Karl hatte offenbar beschlossen, an diesem Abend sämtliche Bewerbungen für höhere Ligen in einem Spiel abzugeben. "Ich hab einfach versucht, im Weg zu stehen", sagte Karl trocken, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. Kurz vor der Pause brachte Fado frische Beine: Yannick Walther kam für den glücklosen Eliot. Der Wechsel sollte sich später bezahlt machen, aber zunächst ging es mit 1:0 in die Kabine. Speldorfs Trainer Meier nutzte die Pause, um rhetorisch die Trommel zu schlagen. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn einer von euch noch Kraft hat, hat er was falsch gemacht", verriet er mit einem Augenzwinkern. Die zweite Hälfte begann mit wütenden Lautrern. In der 66. Minute fiel dann das verdiente 1:1 - ein wuchtiger Schuss von Alexandre Stephan nach Vorarbeit des 17-jährigen Leo Lancaster, der vermutlich gerade erst seinen Schülerausweis verlängert hatte. "Er hat mich perfekt gesehen", lobte Stephan seinen Mitspieler. "Und ich hab einfach draufgehalten. Wenn du nicht schießt, triffst du auch nicht - das ist Physik." Doch wer dachte, Speldorf würde nun einknicken, irrte gewaltig. Nur drei Minuten später marschierte Rechtsaußen Timm Stumpf - 35 Jahre jung, aber mit der Lunge eines Marathonmanns - über den Flügel, legte quer auf Leandro Talarico, der aus 18 Metern trocken zum 2:1 abschloss. Der Jubel war ohrenbetäubend. Talarico rannte Richtung Trainerbank und schrie: "Das war für die Statistik!" - immerhin war es sein dritter Treffer in dieser Saison. Danach entwickelte sich eine Abwehrschlacht, die jedem Dramaturgen Ehre gemacht hätte. Der 17-jährige Innenverteidiger Maximilian Krüger kassierte in der 62. Minute Gelb, beschwerte sich aber so charmant, dass selbst der Schiedsrichter kurz lächelte. "Er hat mir gesagt, ich solle mir die Szene nochmal auf Video anschauen", grinste Krüger hinterher. "Ich meinte: Klar, aber bitte mit Popcorn." Kaiserslautern drückte in den letzten 20 Minuten mit allem, was Beine hatte. Walther prüfte Karl gleich dreimal (71., 73., 87.), doch der Keeper blieb unüberwindbar. "Ich hatte das Gefühl, der Ball wollte einfach nicht rein", seufzte Walther. Vielleicht lag’s am Speldorfer Rasen, vielleicht am Willen - oder an Karls magischen Handschuhen. Die Statistiken erzählen eine ausgeglichene Geschichte: 51,8 Prozent Ballbesitz für Speldorf, 48,2 für Kaiserslautern. Leichte Vorteile bei den Torschüssen für die Gäste, aber die Effizienz lag klar bei den Hausherren. "Manchmal gewinnt eben nicht die schönere Mannschaft, sondern die hartnäckigere", analysierte Meier nüchtern. Als Schiedsrichterin Laura Voss nach 95 Minuten abpfiff, lagen sich die Speldorfer in den Armen, während Kaiserslauterns Jungspunde enttäuscht, aber nicht zerknirscht wirkten. "Wir lernen aus solchen Spielen", sagte Fado mit einem Schulterzucken. "Und irgendwann gewinnen wir genau solche." Das Publikum verabschiedete beide Teams mit Applaus - nicht nur für das Ergebnis, sondern für ein Spiel, das Herz, Tempo und eine Prise Chaos bot. Am Ende blieb der Eindruck eines Abends, der wieder einmal bewies, warum Regionalliga-Fußball so herrlich unberechenbar ist. Keine Millionen, keine Glitzerfassade - nur ehrlicher Kampf, ein bisschen Drama und der Duft von Stadionwurst. Oder, wie Talarico beim Rausgehen lachend meinte: "Wenn’s läuft, schmeckt sogar der Senf besser." 07.09.643987 20:00 |
Sprücheklopfer
Wunderschön, mit dem Außenspann, teilweise mit dem Vollspann.
Günter Netzer