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Es war eine dieser kalten Januar-Nächte, in denen der Atem der 3780 Zuschauer wie kleine Nebelgeister über das Stadion zog - und dennoch wurde es im Speldorfer Rund erstaunlich warm. Der Grund: ein 18-jähriger Wirbelwind namens Barak Suan, der mit zwei blitzsauberen Treffern den 2:0-Sieg des VfB Speldorf über Pommern Stralsund besiegelte. Dabei hatte in der ersten Halbzeit wenig darauf hingedeutet, dass die Gastgeber noch zum großen Jubel ansetzen würden. Speldorf spielte gefällig, ja, fast zu gefällig - 60 Prozent Ballbesitz, 18 Torschüsse über das gesamte Spiel, aber lange ohne Ertrag. Stralsund dagegen versuchte es mit Routine und Erfahrung, immerhin standen gleich mehrere Spieler jenseits der 35 auf dem Platz. "Wir wollten das Tempo rausnehmen", erklärte Gästetrainer Dennis Koch nach der Partie mit einem müden Lächeln. "Hat ja auch ganz gut geklappt - bis zur 69. Minute." Diese 69. Minute sollte den Abend kippen. Javier Gonzalez, gerade einmal 19 und doch schon Spielgestalter mit erstaunlicher Übersicht, steckte den Ball durch die Schnittstelle. Suan, keine Sekunde zögernd, schob eiskalt ein. 1:0 - und das Stadion explodierte. Trainer Jakob Meier riss die Arme hoch, die Ersatzbank sprang auf, und irgendwo auf der Tribüne fiel ein Becher Glühwein in Zeitlupe um. "Ich hab einfach gespürt, dass der Pass kommt", grinste Suan später, noch mit roten Wangen vor Adrenalin. "Javi hat so was im Fuß - da musst du nur starten und hoffen, dass du nicht stolperst." Zehn Minuten später wiederholte sich das Schauspiel beinahe identisch. Wieder Gonzalez, wieder Suan, diesmal mit mehr Wucht - 2:0 (79.). Die Stralsunder Abwehr sah dabei aus, als hätte sie sich kurzzeitig in eine Standbildaufnahme verwandelt. Der 45-jährige Keeper Brent Van Kerckhove, sonst ein Fels, streckte sich vergeblich. "Ich hab den Jungen noch gar nicht gesehen, da war der Ball schon drin", stöhnte er nach dem Abpfiff. "Wenn das die Zukunft ist, dann gute Nacht, alte Herren." Taktisch blieb Speldorf über das ganze Spiel hinweg "balanciert", wie es der Statistikbogen trocken ausdrückt. Übersetzt: Sie hielten die Ordnung, ließen den Ball laufen und warteten auf ihre Momente. Stralsund hingegen agierte nominell offensiv, aber effektiv harmlos. Drei Torschüsse in 90 Minuten sprechen eine deutliche Sprache. Dass sich die Gäste zudem drei Gelbe Karten einfingen - Castano (9.), Moutinho (58.) und Hoenaert (65.) -, passte ins Bild: viel Einsatz, wenig Wirkung. Eine bittere Szene spielte sich kurz vor der Pause ab: Der frisch eingewechselte Leif Kraft verletzte sich bei seinem ersten Zweikampf und musste wieder runter. "Das war wie ein schlechter Witz", meinte Trainer Meier. "Aber die Jungs haben’s gefangen. Vielleicht war das der Moment, an dem sie merkten, dass sie das Spiel selbst entscheiden müssen." Stralsund verlor in der 57. Minute ebenfalls einen Spieler durch Verletzung - Abwehrchef Raul Segura, 39, humpelte vom Platz. Sein Ersatzmann Dragutinovic hielt tapfer dagegen, doch gegen die jugendliche Energie von Speldorf war kein Kraut gewachsen. Statistisch war es ein Klassenunterschied: 18 zu 3 Torschüsse, 60 Prozent Ballbesitz, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Und doch hatte Speldorf bis zur 69. Minute Geduld beweisen müssen. "Ich glaube, das war unser bestes Spiel ohne Ertrag - bis es dann eben doch Ertrag gab", schmunzelte Coach Meier. "Barak hat uns erlöst. Und ehrlich gesagt: Ich gönn’s ihm." Im Gästebus herrschte nach dem Abpfiff betretenes Schweigen. Nur Kapitän Meik Heinrich murmelte: "Wir haben einfach zu wenig gemacht. Speldorf war überall einen Schritt schneller. Vielleicht liegt’s am Durchschnittsalter…" - und sah dabei zu seinem 45-jährigen Torhüter hinüber. So endete ein Abend, der für Speldorf mehr war als nur drei Punkte. Es war ein Statement: jung, mutig, spielfreudig - und endlich effizient. Die Fans verließen das Stadion mit einem Lächeln, das sie in den frostigen Wind hinaus trugen. Oder, wie ein älterer Herr im VfB-Schal beim Hinausgehen sagte: "Wenn der Suan so weitermacht, müssen wir bald Eintritt zahlen, nur um ihm beim Warmmachen zuzusehen." Und das war vielleicht das schönste Kompliment dieses Abends. 30.09.643987 23:55 |
Sprücheklopfer
Bevor wir für einen Torwart 15 bis 20 Millionen Mark bezahlen, stelle ich mich selbst ins Tor.
Rainer Calmund