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Es war ein frostiger Samstagabend in Badenstedt, 20:30 Uhr, Flutlicht, 6780 Zuschauer. Die, die kamen, wollten Fußball sehen. Bekommen haben sie 90 Minuten Lehrbeispiel für das alte Sprichwort: Wer vorne nichts trifft, kassiert hinten. Am Ende hieß es 0:2 - und das schmeichelte dem TV Badenstedt fast noch. Schon in den ersten Minuten ließ die SSVg Velbert keine Zweifel aufkommen, wer hier Chef im Ring war. 23 Torschüsse standen am Schluss auf ihrem Konto, ganze zwei auf dem der Gastgeber. "Ich hatte irgendwann das Gefühl, ich müsste Eintritt zahlen, um unser eigenes Spiel im Strafraum zu sehen", witzelte TVB-Trainer TVBS Wingman später mit Galgenhumor. Die Gäste aus Velbert spielten mit kontrollierter Offensive, fast geduldig wie ein Uhrwerk. Batu Kazim prüfte schon in der vierten Minute den glänzend reagierenden Badenstedter Keeper Vitor Machado. In der 19. und 20. Minute rauschte der Ball gleich mehrfach gefährlich durch den Sechzehner, aber Velbert blieb noch ohne Fortune. Badenstedt dagegen versuchte, mit langen Bällen auf Kai Smith oder Osip Berjosin Nadelstiche zu setzen - allerdings eher mit stumpfer Nadel als mit scharfem Dolch. Und dann kam die 43. Minute, als Johann Max, bis dahin der stabilste in der Badenstedter Innenverteidigung, sich zu einem Trikotzupfer der rustikaleren Sorte hinreißen ließ. Gelb. Nichts Dramatisches, dachte man. Sechs Minuten später dachte Max wohl, er könne noch eine Schippe drauflegen - diesmal sah er Gelb-Rot. "Das zweite Foul war ein Reflex. Ich wollte einfach verhindern, dass der Gegner frei durch ist", erklärte er später kleinlaut. Wingman kommentierte trocken: "Reflexe sind was für Torhüter." In Unterzahl war das ohnehin fragile Gleichgewicht dahin. Velbert roch Blut, erhöhte den Druck, und die Badenstedter Rückwärtsbewegung wurde zu einem zähen Überlebenskampf. Dennoch hielt das 0:0 bis zur 69. Minute - auch weil Machado im Tor über sich hinauswuchs und mit mehreren Paraden die Fans bei Laune hielt. Doch dann kam Christo Boschinow. Der 33-jährige Linksaußen zog nach feinem Doppelpass mit Batu Kazim von links in den Strafraum, täuschte einen Schuss an, ließ zwei Badenstedter stehen wie Trainingshütchen und traf flach ins rechte Eck. 0:1 - und der Knoten war geplatzt. Drei Minuten später machte Felipe Puerta den Deckel drauf. Nach einer butterweichen Vorlage von Gianluigi Perrone zog der 23-Jährige aus gut 20 Metern ab - der Ball schlug unhaltbar im Winkel ein. "Ich hab einfach mal draufgehalten", grinste Puerta nach dem Spiel. Trainer Klaus Bock ergänzte: "Wenn er das im Training versucht, landet der Ball meistens auf dem Parkplatz. Aber heute - nun ja, heute war er ein Künstler." Badenstedt versuchte danach, mit einem Mann weniger das Unmögliche zu schaffen. Wingman brachte in der 70. Minute den 19-jährigen Christian Guillory für den verletzten Heinrich Becker, der nach einem Zweikampf humpelnd vom Platz musste. Doch auch frische Beine halfen nichts mehr. Velbert spielte die Partie routiniert zu Ende, ließ Ball und Gegner laufen, als wäre das Ganze eine Trainingseinheit. Die Statistik sprach ohnehin Bände: 60 Prozent Ballbesitz, 23 Schüsse auf das Tor - gegen zwei kümmerliche Abschlüsse der Hausherren. "Wir hatten vielleicht fünf Minuten lang das Gefühl, dass was geht", meinte Badenstedts Stürmer Kai Smith nach Schlusspfiff. "Dann kam das zweite Gegentor, und das Gefühl ging - ganz weit weg." Velbert hingegen konnte sich den Luxus erlauben, die letzten Minuten im Verwaltungsmodus zu bestreiten. Selbst die Defensivleute wie Kai Kennedy und Niko Röder schalteten sich noch gelegentlich in den Angriff ein - offenbar aus purer Spielfreude. Nach dem Abpfiff jubelten die rund 200 mitgereisten Velberter Fans, während die Badenstedter Spieler mit hängenden Köpfen in die Kabine trotteten. Trainer Wingman wirkte gefasst: "Wir wussten, dass Velbert Qualität hat. Aber wir haben es ihnen auch sehr leicht gemacht. Und elf gegen elf wäre’s vielleicht ein anderes Spiel geworden - vielleicht aber auch nicht." Velbert-Coach Klaus Bock hingegen war zufrieden, aber nicht euphorisch: "Wir haben unseren Plan umgesetzt, ruhig geblieben und am Ende die Tore gemacht. Mehr wollte ich gar nicht. Und wenn wir so weitermachen, dann wird’s eine gute Saison." Ein Fazit, das Badenstedts Anhänger nur schwer schlucken dürften. Denn wer sich 51 Minuten in Unterzahl und 90 Minuten im eigenen Strafraum aufhält, darf sich zwar nicht über die Niederlage wundern - aber vielleicht über den Mut, es trotzdem versucht zu haben. Oder, wie ein Fan beim Rausgehen seufzend sagte: "Wir hatten heute alles - Spannung, Flutlicht, Drama. Nur halt kein Tor." 29.05.643990 23:37 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer