// Startseite
| Sportwoche |
| +++ Sportzeitung für Österreich +++ |
|
|
|
Es war ein kalter Februarabend in Höchst, aber auf dem Rasen brannte es schon nach zehn Minuten lichterloh. 28.000 Zuschauer sahen, wie die Veilchen aus Wien den Gastgebern früh den Schneid abkauften und am Ende verdient mit 3:1 siegten. Der FC Höchst, unter Trainer Ronnie Ekström eigentlich für stürmischen Offensivfußball bekannt, wurde von der Routine und Effizienz der Gäste eiskalt erwischt. Schon die Anfangsphase deutete an, dass Wien nicht zum Sightseeing gekommen war. In der zehnten Minute setzte Connor Townsend zum ersten seiner zahlreichen Flügelläufe an. Nach einem cleveren Pass von Vitorino Postiga nahm er den Ball mit dem Außenrist mit, tänzelte an zwei Verteidigern vorbei und schob trocken ins lange Eck - 0:1, so früh, dass manche Höchst-Fans noch in der Bratwurstschlange standen. "Ich hab nur gedacht: bitte kein Déjà-vu", seufzte FC-Kapitän Jose Maria Morales später. "Aber dann kam’s halt doch so." Höchst versuchte zu antworten. Tiago Morte prüfte Wiens Keeper Fabio Velasquez mit einem satten Linksschuss (8.), Peter Sommer verzog aus guter Position (18.). Doch je länger das Spiel dauerte, desto klarer wurde: Die Veilchen kontrollierten das Geschehen. Mit 53 Prozent Ballbesitz und stolzen 18 Torschüssen gegenüber nur 7 der Gastgeber hatten sie das Spiel fest in der Hand. "Wir wollten ruhig bleiben, Ball laufen lassen - kein Hurra-Fußball, sondern smarter Fußball", erklärte Gästecoach Sonja Leder später mit einem zufriedenen Lächeln. Die Höchster dagegen wirkten, als hätten sie zu viel Kaffee vor dem Anpfiff gehabt: viel Laufarbeit, wenig Ordnung. Trotz offensiver Ausrichtung fand kaum ein Angriff den Weg in die gefährliche Zone. "Wir wollten offensiv spielen, ja, aber man muss auch mal den Ball wiedersehen", meinte Ekström trocken. Nach der Pause wechselte Leder zweimal: der 35-jährige Torhüter Fabio Velasquez machte Platz für Werner Gade, und in der Abwehr kam Adam Stapleton für den müde wirkenden Christo Asparuchow. Das brachte noch mehr Stabilität. In der 64. Minute musste Inigo Antunez verletzt raus - "Wadenkrampf deluxe", grinste er später tapfer - doch selbst das brachte die Gäste nicht aus dem Konzept. Dann kam die Phase, in der Wien endgültig das Licht ausmachte. In der 71. Minute zirkelte Xavi Bernal nach Zuspiel von Freddie O’Halloran den Ball aus 18 Metern präzise in den Winkel - 0:2. Nur zwei Minuten später war wieder Townsend zur Stelle, diesmal nach einem feinen Doppelpass mit O’Halloran. Der Engländer vollendete humorlos - 0:3, und der Gästeblock bebte. "Connor war heute einfach nicht zu stoppen", meinte Bernal nach dem Spiel. "Wir nennen ihn intern den ’Dampflokomotivführer’ - wenn er einmal loslegt, geh besser zur Seite." Townsend selbst nahm’s mit britischem Understatement: "Zwei Tore sind schön, aber ich dachte eigentlich, das dritte zählt auch, bis ich gemerkt hab, ich steh im Abseits." Die Höchster gaben nicht auf, und endlich belohnten sie sich: In der 81. Minute fasste sich Dawid Szamotulski ein Herz, zog nach Pass von Adriano Ramallo aus der Distanz ab und traf ins rechte Eck - 1:3, immerhin ein Ehrentreffer. "Das Tor war für die Fans", sagte Szamotulski später. "Und vielleicht auch ein bisschen für mein Selbstvertrauen." Die letzten Minuten plätscherten dahin, Wien spielte die Uhr souverän herunter. Selbst zwei Gelbe Karten - für Antunez (17.) und Babovic (90.) - trübten die Stimmung nicht. Als der Schlusspfiff ertönte, jubelten die Veilchen ausgelassen, während Höchst ratlos auf dem Rasen stand. "Wir waren heute einfach cleverer", resümierte Trainerin Leder. "Höchst hat Qualität, aber Fußball ist kein Schönheitswettbewerb. Es geht ums Treffen - und das haben wir getan." Ekström dagegen stapfte mit verschränkten Armen vom Platz. "Wenn man 18 Schüsse zulässt, braucht man sich über drei Gegentore nicht wundern", brummte er. Unterm Strich ein souveräner Auswärtssieg für Veilchen Wien, die damit in der Tabelle weiter oben dranbleiben. Der FC Höchst hingegen muss sich fragen, wo die einst so gefürchtete Heimstärke geblieben ist. Vielleicht, so munkelte ein Fan beim Verlassen des Stadions, "sollten sie mal weniger offensiv und mehr erfolgreich spielen". Ein Satz, der an diesem Abend wohl allen in Blau-Weiß im Ohr blieb. 19.11.643990 14:15 |
Sprücheklopfer
Jeder kann sagen, was ich will.
Otto Rehhagel