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Es war ein Montagabend, wie ihn Reykjavik liebt: eisiger Wind, gefrorene Finger - und Fußball, der heißer war als jeder Vulkan. 16.242 Zuschauer kamen ins Stadion, um Valur Reykjavik beim 2:0‑Heimsieg über den FC Keflavik zu erleben. Und sie wurden nicht enttäuscht - zumindest nicht, wenn sie Rot und Weiß trugen. Schon nach wenigen Minuten zeichnete sich ab, wer hier Herr im Haus war. Valur, taktisch von Trainer Jozin Bazin gewohnt offensiv eingestellt, rannte an, als ginge es um die letzte Fähre des Tages. 19 Torschüsse standen am Ende zu Buche - eine Zahl, die vor allem den Torwart der Gäste, Jean‑Pierre Kraft, in den Wahnsinn trieb. Nur ein einziger Schuss kam von Keflavik überhaupt aufs Tor. "Ich hatte das Gefühl, wir spielen Handball - immer im Kreis um den Strafraum", seufzte Keflaviks Mittelfeldmann Halvard Holmqvist später. Die erste halbe Stunde war ein Geduldsspiel. Kay Weiss und Duarte Galindo prüften Kraft mehrfach, Pierpaolo Montepaone zog die Fäden im Zentrum wie ein Dirigent, der ein besonders störrisches Orchester leitet. In der 33. Minute sah Valurs Abwehrmann Michel Scharboneau Gelb, weil er offenbar vergessen hatte, dass Island keine Rugby‑Nation ist. Bazin winkte nur ab: "Michel spielt leidenschaftlich. Manchmal zu leidenschaftlich. Vielleicht sollte er Yoga machen." Kurz vor der Pause dann der verdiente Lohn: In der 44. Minute kombinierte sich Valur traumhaft durchs Mittelfeld. Montepaone legte quer, Javi Gil zog trocken ab - 1:0. Der Jubel hallte durch Reykjaviks frostige Nacht. "Ich wusste, dass er kommt", grinste Gil, "Montepaone passt blind, und ich schieße blind - zusammen ergibt das offenbar Sichtkontakt." Nach dem Seitenwechsel blieb das Bild unverändert. Keflavik versuchte, Ordnung in das Chaos zu bringen, blieb aber harmlos. Nur einmal, in der 63. Minute, durfte Gawriil Moissejew aus der Distanz abziehen - ein Schuss, der mehr nach verzweifeltem Hilferuf als nach Torgefahr klang. Torwart Silvestre Jorge von Valur musste trotzdem fliegen, vielleicht einfach, um nicht zu erfrieren. Valur hingegen spielte weiter wie im Trainingsmodus. Harald Nilsson und Eric Blanqui vergaben Chancen im Minutentakt, bis Blanqui in der 74. Minute die Geduld verlor. Nach Vorarbeit von - wer sonst - Javi Gil, donnerte er den Ball ins Netz. 2:0. Das Stadion tobte, und Bazin drehte sich seelenruhig zur Bank: "Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert." Keflavik-Coach (dessen Name man an diesem Abend wohl besser verschweigt) stand derweil mit verschränkten Armen am Spielfeldrand und blickte in die Dunkelheit. Seine Mannschaft hatte 43,7 Prozent Ballbesitz - gefühlt aber nur 4,3 Prozent Kontrolle über das Spiel. "Wir wollten ausgeglichen spielen", murmelte er nach Abpfiff, "leider war nur das Ergebnis unausgeglichen." Valur zeigte eine reife, fast arrogante Vorstellung. Das Mittelfeld dominierte, die Defensive ließ nichts zu, und vorne sorgte die spanisch‑italienische Kreativachse Gil‑Montepaone für stete Unruhe. Selbst Innenverteidiger Marcio Granados mischte sich in die Offensive ein, als wolle er beweisen, dass Abwehrspieler auch Gefühle haben. Die Fans sangen trotz Eiseskälte, Bazin vergrub die Hände tief in der Jacke, und in der 92. Minute versuchte sogar Granados noch einen Schuss - weil man’s ja kann. Danach war Schluss. 2:0, verdient, souverän, beinahe zu einfach. "Wir hätten vielleicht noch eins machen können", meinte Torschütze Blanqui grinsend, "aber dann hätten die Fans keinen Grund mehr, beim nächsten Heimspiel zu kommen." So blieb es bei einem klaren Erfolg, der Valur im Titelrennen weiter auf Kurs hält. Keflavik hingegen wird sich fragen, ob man wirklich 90 Minuten lang "balanced" spielen muss, wenn der Gegner permanent "offensive" denkt. Ein letzter Blick auf die Statistik: 19:1 Torschüsse, 56 Prozent Ballbesitz, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Zahlen, die das Spiel erzählen, ohne dass man sie erklären müsste. Oder, wie Trainer Bazin es zusammenfasste: "Es gibt Tage, da läuft der Ball, als wäre er elektrisch geladen. Heute war so einer. Und Keflavik war die Glühbirne." Ein Satz, der in Reykjavik noch eine Weile nachhallen dürfte. 12.04.643990 18:00 |
Sprücheklopfer
Wie so oft liegt auch hier die Mitte in der Wahrheit.
Rudi Völler