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Das Estadio Municipal in León bebte, als am 26. Spieltag der spanischen Primera División CD León den Favoriten Valencia CF empfing - zumindest in den ersten 60 Minuten. Danach aber verwandelte sich das grün-weiße Stadion in eine orangefarbene Lehrstunde in Sachen Effizienz und Spielfreude. 35.132 Zuschauer sahen ein 2:5, das sich liest wie eine Klatsche, aber für 20 Minuten durchaus nach einem Fußballmärchen aussah. Schon nach neun Minuten hatte Valencia die Regie übernommen: Ein schneller Angriff über links, Arno Baus mit einem präzisen Pass in den Strafraum, und Rutger Haswell vollendete eiskalt - 0:1. Trainer Sascha Schmidt ballte die Faust, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Wir wollten León früh zeigen, dass wir heute keine Geschenke verteilen", grinste er nach dem Spiel. Leóns Coach Torsten Hoppe hingegen sah schon zu diesem Zeitpunkt, dass seine Defensivabteilung mehr wackelte als eine spanische Hängematte im Wind. Trotzdem hielt seine Mannschaft dagegen, mit 13 Torschüssen insgesamt und 47 Prozent Ballbesitz kein schlechtes Spiel. Doch Präzision war an diesem Abend Sache der Gäste: Valencia brachte 19 Abschlüsse zustande - und fünf davon zappelten letztlich im Netz. Die erste Halbzeit blieb trotz Chancenarmut spannend. León verlor kurz vor der Pause Innenverteidiger Patrik Taube nach einer Verletzung (43.), Günther Böhme kam für ihn - und sollte später noch positiv auffallen. Im Gästeblock wurde derweil schon überlegt, wer wohl das zweite Tor machen würde. Die Antwort: erst einmal niemand. Stattdessen kam León wie verwandelt aus der Kabine. Torsten Hoppe hatte offenbar das richtige Tonband laufen lassen. In der 58. Minute war es Gudmund Bruhn, der nach Pass von Karsten John zum 1:1 einschoss, und vier Minuten später drehte Emiliano Ferrari das Spiel sogar - 2:1! "Ich dachte wirklich, wir hätten sie", stöhnte Hoppe später, "aber dann kam dieser Orkan." Der Orkan hieß Valencia. In der 64. Minute traf Bojan Denic nach Vorlage von - natürlich - Arno Baus zum 2:2. Nur vier Minuten später zirkelte Miroslav Dordevic den Ball nach feinem Zuspiel des eingewechselten Ingo Zubiaurre ins lange Eck - 2:3. Und während Leóns Fans noch den Rückstand verdauten, rauschte der 18-jährige Ruben Ramirez heran und machte in der 72. Minute mit seinem Premierentreffer in der Liga das 2:4. "Ich hab einfach geschossen", sagte der Teenager schüchtern, "und plötzlich war es still im Stadion - also wusste ich, dass er drin war." Zum Schluss durfte auch noch Christiano Pinto ran. Gerade erst eingewechselt, verwertete er in der 83. Minute einen Querpass von Ediz Güven zum 2:5-Endstand. Valencia spielte da längst wie im Rausch, Leóns Abwehr hingegen wirkte, als wolle sie sich unsichtbar machen. "Das war in der zweiten Halbzeit nicht mehr schön", murmelte Torhüter Adriano Custodio, während er sich die Handschuhe auszog. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen." Statistisch gesehen war das Spiel gar nicht so eindeutig: León hatte Phasen mit viel Ballbesitz und ordentlichem Kurzpassspiel, Valencia dagegen setzte auf präzise, zielgerichtete Angriffe - und genau das machte den Unterschied. Der Gast agierte mit "Sure Shooting" (wie die Analysten sagen würden), also Schüssen aus guten Positionen, während León aus allen Lagen versuchte, das Glück zu erzwingen. Auch in Sachen Disziplin war Valencia vorne - allerdings im negativen Sinne: drei Gelbe Karten (de Galvez, Denic, Baus) zeugen davon, dass nicht alles glatt lief. "Wir wollten einfach zu viel", meinte Trainer Schmidt schmunzelnd. "Aber wenn du fünf Tore machst, darfst du dir auch mal einen Tritt erlauben." Leóns Fans verabschiedeten ihre Mannschaft trotzdem mit Applaus. Zwei Tore gegen den Tabellenvierten sind schließlich kein schlechtes Ergebnis - wenn man die restlichen fünf ausblendet. Zum Schluss noch eine Szene, die sinnbildlich für den Abend stand: In der 89. Minute sprintete der junge Martin Dobias noch einmal über den linken Flügel, während Hoppe an der Seitenlinie rief: "Zurück! Alle zurück!" - Doch seine Abwehr dachte wohl, er meine den Bus nach dem Spiel. Valencia nimmt die drei Punkte mit, León den Trost, 20 Minuten lang ein richtig gutes Team gewesen zu sein. Und wenn man ehrlich ist: Für die Zuschauer war’s ein Fest. Oder, wie ein älterer Herr auf der Tribüne sagte, als er sein Bier austrank: "Wenn schon verlieren, dann wenigstens unterhaltsam." 16.11.643987 00:25 |
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Unter den Einäugigen ist der Dreibeinige der König.
Rainer Calmund