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Ein lauer Januarabend in Valencia, 28.174 Zuschauer im Mestalla, Flutlicht, Tapasgeruch - und ein Spiel, das zunächst mehr nach siesta als fiesta aussah. Am Ende aber jubelte der Gastgeber Valencia CF über ein 2:1 gegen Sevilla CF, das weniger durch taktische Raffinesse als durch pure Hartnäckigkeit entschieden wurde. Dabei begann alles mit einem Schockmoment für die Hausherren. In der 39. Minute nutzte Sevillas 19-jähriger Rechtsaußen Taylor Arnaud eine dieser Gelegenheiten, die nur junge Stürmer mit grenzenlosem Selbstvertrauen nehmen. Nach einem schnellen Doppelpass mit dem flinken Ignacio Ordonez tauchte er rechts im Strafraum auf und schob den Ball eiskalt ins lange Eck. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", murmelte Valencia-Keeper Francisco Pelegrin später mit einem gequälten Lächeln. Es war das 0:1 - und das Mestalla verstummte für einen Moment. Valencia hatte bis dahin eigentlich das Spiel kontrolliert, 19 Torschüsse sollten es am Ende sein, gegenüber mageren sieben von Sevilla. Doch Chancenverwertung war in Halbzeit eins ein Fremdwort. Christiano Pinto drosch in der 27. Minute aus fünf Metern über die Latte, Ingo Zubiaurre traf in der 33. nur den Pfosten, und Rechtsverteidiger Xabi Hernando prüfte Torwart Noe Carreras gleich mehrfach - allerdings eher auf Reflexe als auf Schmerzgrenze. Trainer Sascha Schmidt blieb an der Seitenlinie erstaunlich ruhig, während sein Gegenüber Werner Lorant schon nach 20 Minuten wild gestikulierte, als wolle er seine Spieler per Fernsteuerung dirigieren. "Wir wollten das Tempo halten, aber Valencia war unglaublich aktiv über die Außen", gab Lorant später zu. Zur Pause reagierte Schmidt, brachte Vitor Manu für den erfahrenen Frank Fricke - ein Wechsel, der zunächst unauffällig schien, dann aber Wirkung zeigte. Nur acht Minuten nach Wiederanpfiff fiel der Ausgleich: Christiano Pinto, zuvor noch Chancentod, diesmal eiskalt. Nach einer Flanke von - man höre und staune - Innenverteidiger Frank Fricke, der sich vor seiner Auswechslung noch in die Offensive geschlichen hatte, drückte Pinto den Ball aus kurzer Distanz über die Linie (53.). Der Jubel? Befreiend, laut, fast trotzig. "Ich hab’ einfach gedacht: Jetzt oder nie", grinste Pinto nach dem Spiel. "Wenn du 19 Mal draufhältst, darf wenigstens einer rein." Sevilla versuchte zu antworten, kam durch Leandro Obregon gleich dreimal gefährlich zum Abschluss (64., 68., 77.), aber Pelegrin parierte stark. Dann, in der 82. Minute, drehte Valencia das Spiel endgültig: Ediz Güven, der unermüdliche Rechtsaußen, zog nach Pass von Martin Dobias nach innen und schlenzte den Ball präzise ins lange Eck - 2:1! Das Stadion explodierte. Kurz zuvor hatte Sevillas Ethan McGrath Gelb gesehen, nachdem er Dobias eher rustikal gestoppt hatte. "Ich hab’ nur den Ball getroffen - also den Ball, der in der Luft war", verteidigte sich der 17-jährige Spätzünder. Der Schiedsrichter sah das anders, das Publikum sowieso. Sascha Schmidt reagierte in der Schlussphase souverän, brachte den 18-jährigen Evan Macleod für Zubiaurre (79.) und kurz darauf Lasse Breuer für Esteban Ibano (85.), um das Mittelfeld zu stabilisieren. Und tatsächlich: Valencia brachte den Vorsprung mit erstaunlicher Ruhe über die Zeit, selbst als Sevilla in der Nachspielzeit noch einmal durch Obregon anrannte. Am Ende stand auf der Anzeigetafel ein 2:1 (0:1) - ein Ergebnis, das den Spielverlauf durchaus widerspiegelt. Ballbesitz nahezu ausgeglichen (48 zu 52 Prozent), Zweikampfquote klar bei Valencia (55 zu 45 Prozent), die Abschlüsse eindeutig: 19 zu 7. Trainer Schmidt sprach von einem "moralischen Sieg". "Wir haben gezeigt, dass wir auch nach einem Rückstand nicht auseinanderfallen. Das war Charakterfußball." Lorant dagegen schüttelte nur den Kopf: "Wenn du auswärts führst und dann so viele Chancen herschenkst, darfst du dich nicht wundern. Wir haben Valencia eingeladen - und sie haben angenommen." Ein kleines Detail am Rande: Kein Valencia-Spieler lief weniger als elf Kilometer, während Sevilla gegen Ende sichtbar müde wurde. Vielleicht lag’s am fehlenden Pressing - laut Taktikdaten spielte Sevilla über 90 Minuten ohne aktives Anlaufen, während Valencia in der Schlussphase auf Volldampf umstellte. "Wir haben auf WINGS gestellt", grinste Schmidt, "und plötzlich flogen wir wirklich." So blieb es am Ende beim verdienten Heimsieg, der Valencia auf Kurs Richtung obere Tabellenhälfte hält. Für Sevilla dagegen war es ein Abend voller verpasster Chancen - und ein Lehrstück, dass Fußball eben kein Wunschkonzert ist. Oder wie es Ediz Güven auf den Punkt brachte: "Manchmal musst du einfach glauben, dass hinter der nächsten Flanke das Glück wartet." In Valencia hat es an diesem Abend jedenfalls geklopft - und zwar zweimal. 30.09.643987 18:19 |
Sprücheklopfer
Ob rechts oder links, wo ich auftauchte, war ich schlecht.
Mario Basler