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Es war einer dieser Abende, an denen der Fußball seine ganze dramatische Schönheit und seine charmante Sinnlosigkeit offenbart. 56.178 Zuschauer im Aarhus-Stadion sahen am 15. Spieltag der 1. Liga Dänemark ein 1:1 zwischen Aarhus Fremad und Greve Fodbold - ein Ergebnis, das beiden Teams irgendwie gerecht wurde und doch niemanden so richtig glücklich machte. Kaum hatte Schiedsrichter Møller angepfiffen, da zappelte der Ball schon im Netz. In der 5. Minute setzte sich Aarhus’ quirliger Flügelspieler Jorge Garcia durch, nachdem der junge Elof Nygaard über links einen beherzten Sprint hingelegt und den Ball mustergültig in den Rückraum gelegt hatte. Garcia, 29, nahm Maß - und traf trocken ins lange Eck. "Ich habe einfach nicht nachgedacht", grinste Garcia später. "Vielleicht sollte ich das öfter versuchen." Die Fans von Aarhus jubelten, die Stadionlautsprecher dröhnten, und Trainer Sascha Leon riss die Arme hoch, als wolle er gleich selbst eingewechselt werden. Doch der Freudentaumel dauerte keine fünf Minuten. Greve antwortete in Person eines Mannes, den wohl nur seine Mutter auf der Torschützenliste erwartet hätte: Innenverteidiger Yngvar Meyer, gerade einmal 19 Jahre alt, stieg nach einer Ecke von Kai Damgaard am höchsten und köpfte den Ball unhaltbar ins Eck - 1:1 in der 9. Minute. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", lachte Aarhus-Keeper Bojan Buljat später mit Galgenhumor. "War er aber nicht. Blöd gelaufen." Danach beruhigte sich das Geschehen keineswegs. Gelbe Karten flogen früh wie Herbstlaub: Olivier Haas (Greve) sah schon nach sieben Minuten Gelb für ein rustikales Einsteigen - eine Art Visitenkarte. Kurz darauf revanchierte sich Aarhus’ Nygaard mit einem Tritt, der eher an Bauarbeiten erinnerte als an Ballkunst. Auch er sah Gelb. Statistisch gesehen hatte Aarhus mit 52,6 Prozent Ballbesitz leicht die Nase vorn, doch Greve war gefährlicher: Neun Torschüsse gegenüber sechs der Gastgeber - und das trotz ihrer auf Konter ausgelegten, kompromisslos offensiven Ausrichtung. Trainer Jean Vignoble kommentierte trocken: "Wir wollten offensiv verteidigen. Das hat manchmal funktioniert, manchmal nicht. Aber es klingt gut, oder?" Die zweite Halbzeit begann mit frischem Wind - im wahrsten Sinne. Ein eisiger Ostwind fegte durch die Reihen, und die Partie nahm den Charakter eines nordischen Geduldsspiels an. Aarhus kombinierte gefällig, doch im Strafraum fehlte der Mut zum Risiko. Greve lauerte, bissig, gefährlich in den Umschaltmomenten. Besonders Jorge Quaresma, der linke Stürmer der Gäste, prüfte den Keeper gleich mehrfach - in der 14., 42., 56. und 57. Minute. Doch Buljat blieb standhaft. "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen", meinte der Torhüter. "Aber wenn Quaresma noch einmal frei durchgekommen wäre, hätte ich ihn zum Kaffee eingeladen - aus purer Verzweiflung." In der Schlussphase wurde es ruppig. Vilmar Jessen, der rechte Verteidiger von Aarhus, holte sich in der 75. Minute eine Gelbe Karte ab, kurz bevor Trainer Leon ihn ersetzte - wohl um Schlimmeres zu verhindern. Greve wechselte frischen Elan ein: Hagen Storm, 21, kam für den müden Quaresma und sorgte prompt für Wirbel. Doch auch er scheiterte an der vielbeinigen Abwehr der Gastgeber. Als Aarhus in der 93. Minute noch einmal aufdrehte, flatterte das Herz des Stadions. Oskar Vinther, der zentrale Mittelfeldmann, zog aus 20 Metern ab - der Ball rauschte nur Zentimeter über die Latte. Die Fans rissen enttäuscht die Arme hoch, als hätte jemand den letzten Akt einer Oper einfach gestrichen. "Das war unser Matchball", seufzte Trainer Leon. "Aber ehrlich gesagt: Nach der ersten Halbzeit hätten wir auch verlieren können. Vielleicht ist das 1:1 das gerechteste Ergebnis, das niemand wollte." So blieb es beim Unentschieden, das in der Tabelle wohl kaum Spuren hinterlassen wird, in den Köpfen der Zuschauer aber schon. Denn selten hat man ein 1:1 gesehen, das so viele kleine Geschichten erzählte - vom Teenager-Torschützen über den grinsenden Garcia bis zum frierenden Reporter auf der Pressetribüne, der sich fragte, ob er noch Gefühl in den Fingern hat. Am Ende applaudierten beide Fanlager. Nicht aus Begeisterung, sondern aus Anerkennung für den Kampf. Und vielleicht auch, weil sie froh waren, dass es vorbei war. Ein Abend, der in keiner Statistik strahlt, aber in Erinnerung bleibt - wie ein gutes Buch mit Eselsohren: unperfekt, ehrlich, und irgendwie wunderschön. 10.07.643987 14:20 |
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Mehmet Scholl