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Ein lauer Frühlingsabend in Udine, 41.424 Zuschauer im Stadio Friuli, Flutlicht, Emotionen, und am Ende ein 2:2, das keiner so richtig einordnen konnte. Der FC Udinese und der AS Varese trennten sich in einem Spiel, das von früher Führung, wackelnder Defensive und jugendlicher Aufbruchsstimmung lebte - und in dem beide Trainer am Ende gleichzeitig erleichtert und frustriert wirkten. Schon nach neun Minuten bebte das Stadion, als Filipe Makukula, der rechte Mittelfeldmann mit der Schusstechnik eines Bildhauers, nach Vorarbeit von Guillermo Gomes trocken einschoss. "Ich hab einfach draufgehalten. Der Ball wollte nach Hause - und das Tor war das Zuhause", grinste Makukula später und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Udinese spielte offensiv, druckvoll, aber keineswegs unverwundbar. Denn Varese, diese giftige, taktisch disziplinierte Truppe von Trainer Georg Wagner, brauchte nur 18 Minuten, um zurückzuschlagen. Lucas O’Dea, der irischste Italiener der Liga, verwandelte in der 27. Minute nach feiner Vorarbeit von Xabi Barbosa aus zentraler Position. Der Ausgleich war verdient, denn zu diesem Zeitpunkt hatte Varese den Ballbesitz leicht auf seiner Seite (50,7 %) und suchte immer wieder den Weg über die Mitte. Emiliano Dicetutto, der Coach der Gastgeber, kommentierte später sarkastisch: "Wir wollten eigentlich nicht so viel Spannung - aber die Spieler dachten wohl, das Publikum braucht Unterhaltung." Und die bekamen sie. Nach der Pause drehte Varese plötzlich auf, als hätte jemand den "Pressing"-Schalter gefunden - auch wenn laut Statistik das Pressing offiziell auf "BEHIND" stand. In der 53. Minute ging der Gast tatsächlich in Führung: Andrea Ferrando, der flinke Rechtsaußen, nutzte nach Pass von O’Dea eine Lücke in der Udinese-Abwehr, die größer war als die Parklücke eines Stadtbusses. 2:1 für Varese - und auf der Tribüne wurde es erstaunlich still. Doch nur zwei Minuten später, als die Varese-Fans noch jubelten, schlug Udinese zurück. Nicolae Buzanszky, der bullige Mittelstürmer, köpfte nach einem Freistoß von - man glaubt es kaum - Innenverteidiger Age Fjortoft den Ball ins Netz. 2:2, und plötzlich war wieder alles möglich. "Ich hab kurz vergessen, dass ich eigentlich verteidigen sollte", witzelte Fjortoft nach dem Spiel, "aber manchmal muss man improvisieren." Danach entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Udinese hatte 15 Schüsse aufs Tor, Varese nur 7, doch die Gäste wirkten bei jedem Angriff gefährlich. Luigi Russo, der junge rechte Verteidiger, prüfte Keeper Luca Lange gleich dreimal (33., 59. und 75. Minute) mit Distanzschüssen, die mehr nach Mut als nach Zielstrebigkeit rochen. "Wenn keiner vorne trifft, probier ich’s halt selbst", murmelte Russo beim Abgang vom Feld - kurz bevor er in der 90. Minute durch Marco Andrade ersetzt wurde. Udinese brachte in der Schlussphase frisches Blut: Der 18-jährige Luca Bianchi kam für Leonardo Iezzi und sorgte mit zwei beherzten Abschlüssen (80. und 89. Minute) für Szenenapplaus. "Ich wollte einfach Spaß haben", meinte Bianchi schüchtern - während Trainer Dicetutto ihm liebevoll auf den Hinterkopf klopfte: "So fängt’s an, mein Junge. Erst Spaß, dann Verantwortung." Taktisch blieb Udinese über weite Strecken offensiv ausgerichtet, mit viel Aufwand, aber wenig Struktur. Erst in der Schlussphase zog das Team das Pressing an - spät, aber immerhin. Varese hingegen blieb konstant offensiv eingestellt, ohne je in blinde Hektik zu verfallen. Wagner lobte seine Mannschaft: "Wir haben Charakter gezeigt. Und wenn man in Udine zwei Tore schießt, darf man auch mal zufrieden sein." Die Statistik erzählt eine Geschichte des Gleichgewichts: 49,3 Prozent Ballbesitz für Udinese, 50,7 für Varese - fast wie mit dem Lineal gezogen. Udinese hatte mehr Zug zum Tor, Varese die reifere Spielanlage. Gelbe Karten gab’s für Andras Kohut (7.) und Age Fjortoft (84.), die beide etwas zu leidenschaftlich in die Zweikämpfe gingen. "Ich wollte nur zeigen, dass wir auch Körper haben", lachte Fjortoft, als man ihn auf die Verwarnung ansprach. Am Ende blieb es beim 2:2 - ein Ergebnis, das keiner Mannschaft wirklich hilft, aber auch niemandem weh tut. Die Zuschauer gingen zufrieden nach Hause, die Trainer mit Notizblock und Sorgenfalte. "Ein gerechtes Unentschieden", sagte Wagner, "aber ein bisschen mehr Mut hätten wir zeigen können." Dicetutto konterte mit einem Augenzwinkern: "Mut? Wir haben sogar unsere Innenverteidiger zum Flanken geschickt." So blieb das Duell Udinese gegen Varese ein Spiegelbild der Saison: viel Wille, viel Fußball - und am Ende das Gefühl, dass beide Teams noch nicht ganz wissen, ob sie lieber träumen oder rechnen sollen. Und vielleicht ist genau das der Charme der 1. Liga Italien an einem Freitagabend: Niemand gewinnt wirklich - aber keiner geht ohne Geschichte nach Hause. 07.10.643993 20:03 |
Sprücheklopfer
Statistiken, Statistiken, für Statistiken habe ich mich schon früher nicht interessiert. Statistiken sind dafür da, um gebrochen zu werden.
Matthias Sammer