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19275 Zuschauer im ausverkauften Willy-Sachs-Stadion sahen am Mittwochabend ein Finale, das in seiner ersten halben Stunde mehr Tempo hatte als ein ICE auf freier Strecke - und am Ende mit einem 2:1-Sieg für TuS Hordel endete. Der Außenseiter aus dem Ruhrgebiet zeigte, was man mit Mut, langen Bällen und einem Stürmer in Torlaune erreichen kann. FT Schweinfurt dagegen brauchte zu lange, um überhaupt in den Tritt zu kommen - und rannte dann einem Rückstand hinterher, der am Ende zu groß war. Schon in der sechsten Minute zappelte der Ball im Netz der Schweinfurter. Tim Pfeiffer, der 25-jährige Mittelstürmer der Gäste, lauerte zwischen zwei Verteidigern, bekam den Ball von Lennard Rothe haargenau in den Lauf und schob trocken ein. "Wir wollten gleich zeigen, dass wir nicht zum Sightseeing hier sind", grinste Pfeiffer nach dem Spiel, während ihm seine Mitspieler die obligatorische Bierdusche verpassten. FT Schweinfurt wirkte überrascht, fast beleidigt. Trainer Kevin Ferry schrie von der Seitenlinie: "Leute, das ist kein Trainingsspiel!" - doch seine Mannschaft wirkte, als habe sie die Botschaft erst in der Pause verstanden. Hordel dagegen blieb gnadenlos effizient. In der 30. Minute war es wieder Pfeiffer, der nach einem schnellen Umschaltmoment den Ball aus etwa zwölf Metern unter die Latte wuchtete. Die Vorlage kam diesmal von Curt Schöne, der - nomen est omen - die Flanke ebenso schön wie präzise servierte. 2:0 für Hordel, Schweinfurt im Schockzustand. "Ich hab’ kurz überlegt, ob ich mich kneifen soll", lachte Gästecoach Ute Finkeldy später. "Aber dann hab’ ich gemerkt: Nein, das passiert wirklich." Ihre Spieler kombinierten mutig, jagten jeden zweiten Ball und spielten mit jener Mischung aus Aggressivität und Spielfreude, die man sonst eher in Bezirksliga-Kneipen sieht, wenn die Musik lauter wird. Schweinfurt hatte zwar fast 49 Prozent Ballbesitz, aber es fühlte sich nach weniger an. Erst nach dem Seitenwechsel nahmen die Gastgeber das Heft in die Hand. Vitor Fortun prüfte Keeper Jacob Montgomery mit einem satten Flachschuss (60.), kurz darauf fiel dann der Anschlusstreffer: Helmut Jürgens, gerade einmal 19 Jahre alt, trieb den Ball über links, legte quer, und Iker Jordao drückte ihn in der 65. Minute über die Linie. "Da war kurz Feuer drin", sagte Ferry, "aber wer zwei Gegentore aufholen will, darf keine halbe Stunde pennen." Hordel wankte, fiel aber nicht. Schweinfurt brachte Mircea Nastase für den erschöpften Michael Crichton (70.), um mehr Kreativität ins Zentrum zu bringen, doch die Abwehr der Gäste blieb stabil - auch wenn Innenverteidiger Luke Kinsella es mit der Härte etwas übertrieb. Erst Gelb in der 41., dann Gelb-Rot in der 88. Minute: "Ich hab’ nur laut geatmet", verteidigte sich Kinsella, während Finkeldy ihn mit einem Kopfschütteln verabschiedete. In Unterzahl verteidigte Hordel die letzten Minuten mit allem, was Beine hatte. Schweinfurt warf noch einmal alles nach vorn, inklusive Torwart Yanik Strauss bei einer Ecke in der Nachspielzeit. Doch der Ball landete im Nirgendwo, und kurz darauf pfiff der Schiedsrichter ab. Jubel in Grün-Weiß, Fassungslosigkeit in Schweinfurt. Statistisch war es ein knappes Ding: 14:8 Torschüsse für Hordel, 51 Prozent Ballbesitz für die Gäste, 47 Prozent gewonnene Zweikämpfe bei Schweinfurt. Doch wer die Tore macht, schreibt die Geschichte - und die schrieb diesmal Tim Pfeiffer. "Zwei Tore im Finale - das ist was fürs Poesiealbum", grinste er, während er den Pokal küsste. FT-Trainer Ferry dagegen suchte nach Worten und fand nur trockenen Humor: "Wenn wir die erste Halbzeit streichen, war’s ein gutes Spiel." Er versprach, seine Jungs "morgen früh wieder laufen zu lassen", was einige Gesichter in der Kabine merklich erbleichen ließ. So endet ein Finale, das alles hatte: frühe Tore, späte Karten, ein wenig Drama und eine Prise Ruhrpott-Romantik. TuS Hordel ist Pokalsieger der 2. Liga - und Schweinfurt weiß nun, dass man ein Spiel auch verlieren kann, wenn man fast gleich viel vom Ball hat. Oder, wie es ein Schweinfurter Fan auf dem Heimweg formulierte: "Wir hatten Ballbesitz, die hatten Pfeiffer. Reicht, um den Unterschied zu erklären." 04.05.643990 13:19 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer