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Erndtebrück - Wenn ein Fußballspiel nach 90 Minuten aussieht, als hätte nur eine Mannschaft teilgenommen, dann war’s vermutlich der Saisonstart des TuS Erndtebrück in der Verbandsliga J. Mit einem furiosen 6:0 über den Böblinger SC feierten die Wittgensteiner einen Einstand, der lauter kaum hätte krachen können. 2254 Zuschauer im Erndtebrücker Waldstadion sahen ein Heimteam, das von der ersten Minute an klarstellte: Hier wird kein Punkt verschenkt. "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen Spaß haben - aber bitte erst nach dem sechsten Tor!", grinste Trainer Sigurd Stuhl nach dem Abpfiff, während seine Spieler noch lachend auf dem Rasen lagen. Spaß hatten sie allemal. Bereits in der 6. Minute eröffnete Iban Niguez den Torreigen. Nach feinem Zuspiel von Denis Larionow zog der quirlige Linksaußen aus halblinker Position ab - und der Ball zappelte im Netz, ehe Böblingens Keeper Marwin Freund überhaupt realisierte, dass das Spiel begonnen hatte. "Ich dachte, das war noch die Aufwärmphase", murmelte der bedauernswerte Torhüter später mit einem gequälten Lächeln. Danach rollte Angriff um Angriff auf das Böblinger Tor. 22 Schüsse verzeichneten die Statistiker für Erndtebrück - Böblingen dagegen keinen einzigen. Das ist kein Tippfehler. Kein Schuss aufs Tor. Nicht mal aus Versehen. Der Ballbesitz war mit 52 zu 48 Prozent fast ausgeglichen, aber was die Gäste mit dem Ball anfingen, bleibt ein Rätsel. Kurz vor der Pause (43.) erhöhte der 19-jährige Kurt Benz auf 2:0, als er eine Ecke von Innenverteidiger Karl Gerlach mit der Entschlossenheit eines erfahrenen Strafraumstürmers über die Linie drückte. "Ich wollte eigentlich gar nicht dahinlaufen", gab Benz später lachend zu, "aber dann dachte ich: Vielleicht passiert ja was." Es passierte - und wie. Nach dem Seitenwechsel drehte Benz so richtig auf. In der 51. Minute schnürte er nach Vorlage von Niguez seinen Doppelpack, fünf Minuten später machte er den Hattrick perfekt - diesmal nach Vorarbeit von Linksverteidiger Timo Hein. Der junge Flügelflitzer wurde danach von fast jedem Mitspieler umarmt, teilweise gleich doppelt. Trainer Stuhl kommentierte trocken: "Wenn der so weitermacht, muss ich ihm bald einen eigenen Bus stellen." Böblingen dagegen wirkte zunehmend ratlos. Zwei Gelbe Karten (Kai Lustig 69., Diego Capucho 72.) waren das Einzige, was von ihnen in der Statistik blieb. Das Pressing? Fehlanzeige. Die Abwehr? Überfordert. Die Körpersprache? Zwischen Resignation und dem stillen Wunsch nach dem Schlusspfiff. Die Erndtebrücker hingegen spielten weiter, als hinge der Aufstieg vom Torverhältnis ab. In der 74. Minute traf erneut Iban Niguez nach feinem Zuspiel von Andres Santoyo - und derselbe Doppelpack wiederholte sich in der 86. Minute fast identisch. Zwei Mal Niguez, zwei Mal Santoyo - ein Duo, das an diesem Abend wohl selbst im Halbschlaf getroffen hätte. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", meinte Santoyo später mit einem Augenzwinkern. "Aber Iban wollte unbedingt den Ball mit nach Hause nehmen. Ich hab ihm gesagt, er soll wenigstens einen für mich liegen lassen." Am Ende stand ein 6:0, das in seiner Deutlichkeit fast surreal wirkte. Der TuS hatte mit 61 Prozent gewonnener Zweikämpfe, sicherem Passspiel und einem Offensivdrang, der keine Gnade kannte, alles unter Kontrolle. Selbst als Trainer Stuhl nach einer Stunde durchwechselte - Leech, Fryer und Verdasco kamen - blieb das Tempo hoch. Für Böblingen war es ein Abend zum Vergessen. Trainerkommentare blieben kurz: "Wir müssen das analysieren", sagte ein sichtlich bedienter Coach, der lieber anonym bleiben wollte. "Und zwar gründlich." Das Publikum jubelte, während die Flutlichtanlage glühte und die Spieler des TuS noch eine Ehrenrunde drehten. In der Vereinsgaststätte soll später sogar ein spontanes "Sechser-Burger-Spezial" serviert worden sein - doppelt Käse, versteht sich. Und so endet der erste Spieltag der Verbandsliga J mit einem klaren Statement: TuS Erndtebrück meint es ernst. Die jungen Wilden aus dem Wittgensteiner Land haben Lust auf mehr - und wenn sie so weitermachen, wird man in dieser Liga wohl noch öfter von ihnen hören. Oder wie Torschütze Benz beim Verlassen des Stadions sagte: "Wenn das so weitergeht, müssen wir dem Platzwart bald eine Torprämie zahlen." Ein bisschen Übermut darf erlaubt sein - nach einer solchen Vorstellung. 10.06.643990 02:04 |
Sprücheklopfer
Wenn ich den Martin Schneider weiter aufstelle, glauben die Leute am Ende wirklich noch, ich sei schwul.
Friedel Rausch