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Wenn ein Spiel an einem kalten Januarabend in Ennepetal stattfindet, dann riecht die Luft nach Bratwurst, nassem Rasen und ein bisschen Hoffnung. 5699 Zuschauer waren gekommen, um zu sehen, wie TuS Ennepetal im Regionalliga-A-Duell gegen den SV Linx den 18. Spieltag eröffnete - und sie bekamen Drama, jugendlichen Übermut und einen Schlussakt, der selbst Hollywood gefallen hätte. Die Geschichte begann vielversprechend für die Gastgeber. TuS-Coach Ursula Lappe hatte ihr Team defensiv organisiert, aber mit dem Mut zum Konter ausgestattet. Und tatsächlich: Nach einigen zaghaften Annäherungen war es in der 43. Minute Michel Benayoun, der sich ein Herz fasste. Ein satter Schuss aus gut 20 Metern - Linx-Keeper Oscar Haase flog, streckte sich, aber landete schließlich im Gras, während der Ball im Netz zappelte. 1:0 für Ennepetal, das Stadion jubelte, und Benayoun grinste später: "Ich wollte eigentlich flanken, aber manchmal hat der Ball einfach andere Pläne." Mit dieser Führung ging es in die Pause. Linx-Trainer Michal Dickschat, zuvor noch mit stoischer Ruhe an der Linie, verschwand in der Kabine mit einem Gesichtsausdruck, der ahnen ließ: Da wird’s gleich lauter. "Ich hab ihnen gesagt, dass das hier kein Freundschaftsspiel ist", verriet Dickschat nach dem Spiel. "Und dass 18-Jährige auch Tore schießen dürfen." Damit meinte er wohl Eduardo Henrico. Der gerade einmal 18-jährige Mittelstürmer, zur Halbzeit noch eher unauffällig, tauchte in der 62. Minute plötzlich da auf, wo es weh tut. Nach einem energischen Vorstoß von Morgan Shepherd über links kam der Ball flach in die Mitte, Henrico hielt den Fuß hin - Ausgleich. 1:1, und plötzlich war Linx da. Der Junge jubelte, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Ich hab nur gesehen, dass der Ball kommt - und dann hab ich einfach gemacht", sagte Henrico später mit einem breiten Lächeln, das kaum hinter den Zahnschutz passte. Ab diesem Moment kippte das Spiel. Die Statistik spricht Bände: 14 Torschüsse der Linxer gegenüber sechs von Ennepetal. Und obwohl die Hausherren mit 51,6 Prozent leicht mehr Ballbesitz hatten, bestimmten die Gäste nun das Tempo. Der TuS wirkte müde, vielleicht zu früh zufrieden, vielleicht aber auch überrascht, dass Linx plötzlich so viel jugendliche Energie aufbot. In der 87. Minute dann der Schockmoment: Ennepetals Innenverteidiger Peter Witt blieb nach einem Zweikampf liegen. Die Sanitäter rannten, das Publikum hielt den Atem an. Witt musste vom Platz, Serge Diarra kam für ihn. "Wir hoffen, es ist nichts Schlimmes", sagte Trainerin Lappe - und schob mit einem bitteren Lächeln nach: "Aber der Fußballgott hatte heute wohl Linxer Trikot an." Zwei Minuten später bewahrheitete sich diese Prophezeiung. Carsten Vollmer zog über die linke Seite, legte quer, und Johannes Urban - der schon das ganze Spiel über gefährlich gewirkt hatte - traf in der 89. Minute zum 2:1 für Linx. Ein später, schmerzhafter Stich ins Ennepetaler Herz. Urban ballte die Fäuste, während seine Teamkollegen jubelnd in Richtung Fankurve rannten. "Ich hab gesehen, dass der Keeper leicht nach rechts ging - da musste ich einfach draufhalten", erklärte Urban hinterher lakonisch. Die Nachspielzeit brachte noch eine gelbe Karte für den 17-jährigen Linxer Rechtsverteidiger Andreas Menzel, der nach einem rustikalen Einsteigen fast entschuldigend lächelte. "Ich hab den Ball berührt - irgendwann", murmelte er grinsend, als der Schiedsrichter die Karte zückte. Als der Abpfiff ertönte, war es still im Stadion. Nur die mitgereisten Linxer tanzten auf den kalten Betonstufen, während Ennepetals Spieler wie eingefroren auf dem Rasen standen. Trainerin Lappe fasste das Ganze trocken zusammen: "Wir waren 43 Minuten lang besser - und danach Zuschauer." Die Statistik untermauert ihre Worte: Linx mit mehr Zweikampfstärke (53,6 Prozent gewonnene Duelle), mehr Schüssen, mehr Mut. Ennepetal dagegen mit leeren Händen, aber immerhin mit einem schönen Tor zur Erinnerung. Am Ende war es ein Spiel, das zeigte, wie grausam Fußball sein kann - und wie schön zugleich. Die Linxer Youngsters feierten, als hätten sie gerade die Liga gewonnen, während die TuS-Fans sich fragten, wie man ein Spiel, das so gut begann, so aus der Hand geben konnte. Vielleicht brachte es Linx-Coach Dickschat am besten auf den Punkt: "Erfahrung ist gut - aber manchmal hilft’s, wenn man jung genug ist, um nicht zu wissen, dass man eigentlich keine Chance hat." Ein bitterer Abend für Ennepetal, ein glorreicher für Linx - und ein Beweis dafür, dass selbst in der Regionalliga noch echte Fußballgeschichten geschrieben werden. 15.08.643987 09:33 |
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Ein Frühling macht noch keinen Sommer.
Klaus Toppmöller