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4722 Zuschauer hatten sich an diesem milden Märzabend im Stadion von Türkiyemspor 1978 versammelt, um das zu sehen, was man später wohl als "zwei Spiele in einem" bezeichnen wird. 2:2 hieß es am Ende gegen den FC Wusterwitz - ein Ergebnis, das beiden Trainern Falten auf die Stirn, aber den Zuschauern ein breites Grinsen bescherte. Türkiyemspor begann, als wolle man die Partie schon in der ersten Viertelstunde in den Geschichtsbüchern abhaken. Nach elf Minuten zappelte der Ball erstmals im Netz: Dries Zaman, der laufstarke Mittelfeldmotor mit der Gelben Karte im späteren Verlauf, nahm einen klugen Pass von Dimitar Angelow auf und vollendete trocken. "Ich hab’ einfach draufgehalten, ehrlich gesagt. Dass der so reingeht, das war eher Mathematik als Absicht", scherzte Zaman später mit einem Augenzwinkern. Kaum hatten sich die Gäste vom Anstoß erholt, da klingelte es erneut. In der 12. Minute legte Enrique Ramiro von links mustergültig auf, und Radek Danek, der 33-jährige Mittelstürmer mit der Ruhe eines Schachgroßmeisters, schob zum 2:0 ein. Zwei Tore in 120 Sekunden - Wusterwitz wirkte in dieser Phase wie ein Tourist ohne Stadtplan. "Da dachte ich kurz, ob wir noch im Bus sitzen", gab Wusterwitz-Trainer Tom Fritz später zu. Türkiyemspor dominierte nach Belieben. 61 Prozent Ballbesitz, 20 Torschüsse, und doch reichte es am Ende nicht zum Sieg. Denn was dann geschah, passte eher ins Drehbuch eines Fußballkrimis. Aus dem Nichts, kurz vor der Pause, meldeten sich die jungen Wilden aus Wusterwitz zurück. Erst war es Finn Roth, der in der 44. Minute einen blitzsauberen Konter abschloss, nach Vorarbeit von Luca Philipp - der 19-Jährige hatte zuvor schon mit Tempo und Dribblings für Unruhe gesorgt. Und dann, man traute kaum seinen Augen, drehte Philipp selbst auf: In der 45. Minute schlenzte er den Ball nach Pass von Nico Behrendt ins Eck. 2:2, Halbzeit. Der Stadionsprecher brauchte fast eine halbe Minute, um die Torschützen korrekt einzusprechen - so überrascht war sogar er. "Wir haben das Spiel in fünf Minuten aus der Hand gegeben", knurrte Türkiyemspor-Coach Ata Mramor nach Abpfiff. "Aber wenigstens wissen wir jetzt, dass meine Jungs offensiv was draufhaben - und defensiv noch was lernen dürfen." Die zweite Halbzeit? Ein Abnutzungskampf. Türkiyemspor rannte an, kombinierte sich phasenweise sehenswert durch die gegnerischen Linien, aber der Ball wollte nicht mehr über die Linie. Danek scheiterte gleich fünfmal in Halbzeit zwei - mal knapp drüber, mal am glänzend reagierenden Wusterwitzer Keeper Phillip Zimmermann, der mit 20 Jahren schon die Ruhe eines alten Hasen ausstrahlte. Wusterwitz dagegen blieb gefährlich im Konter. Der eingewechselte Rafael Witte prüfte in der 79. Minute Türkiyems Torwart Ingo Bosingwa, der sich mit einer Flugeinlage für die Galerie bedankte. "Ich hab den gar nicht gesehen, nur gehört", witzelte Bosingwa später. "Da macht’s Puff, und plötzlich liegt der Ball in meinen Händen. Ich sag’s mal so: Glück gehört auch zur Taktik." Die Statistik sprach klar für die Hausherren: 61,6 Prozent Ballbesitz, 20:9 Torschüsse, dazu eine bessere Zweikampfquote (54 zu 46 Prozent). Doch die Gäste verteidigten leidenschaftlich, stellten nach der Pause auf tiefere Staffelung um und brachten mit Johann Zander und Marko Weise frische Beine. In der 66. Minute sah Türkiyems Innenverteidiger Joschua Krause Gelb - sinnbildlich für die zunehmende Hektik im Spiel. Und als in der 88. Minute auch Wusterwitz’ Marko Weise verwarnt wurde, war klar: Die Luft brannte, aber ein Treffer wollte nicht mehr fallen. Nach dem Schlusspfiff standen sich beide Teams mit gemischten Gefühlen gegenüber. "Wenn du 2:0 führst, musst du das nach Hause bringen", sagte Danek und blickte ins Leere. Wusterwitz-Kapitän Roth grinste dagegen: "Wir sind jung, wir machen Fehler - aber wir machen auch Tore. Und das zählt." Am Ende blieb ein Remis, das sich für beide Seiten irgendwie falsch anfühlte. Türkiyemspor, das den Sieg verschenkte. Wusterwitz, das den Punkt erkämpfte. Und 4722 Zuschauer, die sich fragten, ob sie gerade ein Spitzenspiel oder eine Lektion in Fußball-Psychologie erlebt hatten. Oder wie es ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions formulierte: "So spielt man 90 Minuten, wenn man 45 Minuten zu früh denkt, man hätte schon gewonnen." Ein Satz, den sich beide Trainer wohl in die Kabine hängen werden. 12.02.643994 02:56 |
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Es ist mir völlig egal, was es wird. Hauptsache, er ist gesund.
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