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Ein kalter Winterabend am Schliersee, Flutlicht, 3946 Zuschauer - und ein Spiel, das alles hatte: Tempo, Emotionen, einen unerwarteten Platzverweis und am Ende zwei Gesichter. Der TSV Schliersee und der SV Bremen trennten sich 1:1 (1:0) in einer Begegnung, die die Heimfans gleichermaßen jubeln und verzweifeln ließ. Schon die ersten Minuten machten klar, wer hier das Heft in der Hand halten wollte. Schliersee-Trainer Christopher Fey hatte seine Jungs offensiv eingestellt, Flügelspiel und frühes Risiko waren die Ansage. "Wir wollten gleich zeigen, dass wir hier nicht auf Unentschieden spielen", sagte Fey später mit einem Schmunzeln, das andeutete, dass der Plan zumindest 45 Minuten lang aufging. Und tatsächlich: Nach einer Viertelstunde donnerte Youngster Ralf Bartsch, erst 20 und mit der Unbekümmertheit eines Spielplatzkickers, den Ball nach feiner Vorarbeit von Dimas Lupus ins rechte Eck - 1:0! "Ich hab gar nicht groß nachgedacht, einfach drauf", grinste Bartsch nach dem Spiel, während sein Trainer ihm die Schulter klopfte. Lupus, der Passgeber, ergänzte trocken: "Ich wollte eigentlich flanken." Manchmal ist Fußball eben einfach. Der TSV dominierte, spielte mit 54 Prozent Ballbesitz und 13 Torschüssen fast doppelt so gefährlich wie Bremen. Besonders die Kombination Bartsch-Jahn-Cunningham brachte die Gästeabwehr immer wieder ins Schwitzen. Der Bremer Torhüter Cesc de Vivar war mehrfach gefordert, hielt seine Mannschaft mit beherzten Paraden im Spiel. Ganz anders die Bremer Halbzeitstimmung. Trainer Tobias Wohlgemuth gestikulierte wild an der Seitenlinie, rief seinen Männern zu: "Mehr Mut, Männer, das ist kein Museum hier!" Offenbar half’s - kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, da schlug der SV Bremen zurück. In der 48. Minute nutzte Routinier Matthias Schuster eine Unachtsamkeit in der Schlierseer Abwehr, nachdem Herbert Falk clever quergelegt hatte - 1:1. "Wir wussten, dass wir unsere Chance bekommen würden", erklärte Schuster später. "Und diesmal war der Ball endlich drin, nicht auf dem Parkplatz." Was dann folgte, war eine Mischung aus Drama und Slapstick. Bremer Innenverteidiger Lewis Michaud, schon mit Gelb vorbelastet, entschied sich in der 72. Minute für ein Tackling, das eher an Rugby erinnerte. Der Schiedsrichter zückte Rot, ohne groß zu überlegen. "Ich hab den Ball getroffen - also zumindest fast", verteidigte sich Michaud nach dem Spiel. Sein Trainer war weniger amüsiert: "Lewis muss lernen, dass man in der Regionalliga nicht den Gegner aus den Schuhen grätschen darf." Mit einem Mann mehr drängte Schliersee auf den Sieg. Bartsch, Cunningham und Jahn feuerten aus allen Lagen, aber der Ball wollte nicht mehr über die Linie. Besonders in der 80. Minute, als Jahn aus acht Metern freistehend den Ball über das Tor setzte, hielt das ganze Stadion den Atem an. Neben mir auf der Tribüne raunte ein älterer Herr: "Den macht meine Enkelin im Garten rein." Die Statistik sprach am Ende eine klare Sprache: 13:4 Torschüsse, mehr Ballbesitz, mehr Einsatz. Doch das Ergebnis blieb hartnäckig bei 1:1. Selbst der späte Dreifachwechsel von Fey in der 88. Minute - offenbar eine Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung - brachte keine Wende. "Wir wollten noch mal frische Beine bringen, aber anscheinend haben die Beine nur kalte Füße bekommen", witzelte der Coach nach dem Abpfiff. Bremen verteidigte das Remis mit allem, was noch laufen konnte. Torhüter de Vivar wuchs in den Schlussminuten über sich hinaus, fischte in der 84. Minute einen gefährlichen Schuss von Cesare Telesca aus dem Winkel. "Cesc war heute unser Fels", lobte Wohlgemuth. "Und das, obwohl er eigentlich lieber Stürmer wäre", fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu. Als der Schlusspfiff ertönte, war die Enttäuschung auf Schlierseer Seite greifbar. Trotzdem: Das Publikum verabschiedete die Mannschaft mit Applaus. Man hatte gekämpft, gespielt, geschossen - nur eben nicht gewonnen. "Das ist Fußball", fasste Fey zusammen. "Mal triffst du Latte, mal den Pfosten - und manchmal nur den gegnerischen Torwart." Ein Punkt für jeden also, aber gefühlt zwei verschenkte für den TSV. Bremen dagegen konnte mit dem Remis gut leben. Vielleicht, weil sie wussten, dass sie an diesem Abend einem größeren Unheil knapp entgangen waren. Und so wurde der winterliche Schliersee-Abend zum Spiegelbild dieses Sports: schön, unberechenbar und ein bisschen gemein. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen sagte: "Wenn’s immer so spannend wäre, würd ich mir sogar Dauerkarten kaufen." 09.12.643987 10:17 |
Sprücheklopfer
Man soll auch die anderen Mannschaften nicht unter dem Teppich kehren lassen.
Olaf Thon