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Ein kalter Januarabend, Flutlicht über der schmucken Arena in Rain, und 8.371 Zuschauer, die wohl kaum geahnt hatten, dass sie Zeugen eines kleinen Fußballfestivals werden würden. Am 15. Spieltag der 3. Liga Deutschland zerlegte der TSV Rain den völlig überforderten Gast aus Thiede mit 6:0 (4:0). Es war ein Abend, an dem einfach alles passte - zumindest für die Gastgeber. Schon nach sechs Minuten brandete Jubel auf. Nico Kluge, der quirlig-schnelle Rechtsaußen, hatte gerade einmal zwei Ballkontakte gebraucht, um das erste Mal einzunetzen. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Kluge später, "aber der Ball hatte wohl andere Pläne." Barend Keese, der Vorlagengeber, konterte lachend: "Na klar, Nico flankt ins lange Eck - das war alles so gewollt." Viktoria Thiede versuchte, sich zu sortieren, doch kaum war Ordnung auf dem Platz, klingelte es erneut. In der 22. Minute traf Connor Irwin nach sehenswerter Vorarbeit seines Bruders John. Ein Familienprojekt, das funktionierte. "Wir spielen schon seit dem Gartenzaun-Fußball zusammen", sagte John Irwin. "Heute war’s fast wie damals - nur mit ein paar mehr Zuschauern." Vier Minuten später überrollte der TSV die Gäste endgültig. Kluge, wieder er, schnürte sein Doppelpack - diesmal nach Pass von Gabri Goncalves. "Da kannst du nur den Hut ziehen", murmelte ein resignierter Thiede-Verteidiger in Richtung Seitenlinie. Und als wäre das noch nicht genug, legte Vitorino Frechaut in der 29. Minute das 4:0 nach. Thiedes Keeper Luís Assis warf sich verzweifelt, doch der Ball zischte trocken ins Netz. Trainer Patrick Müller stand an der Seitenlinie und versuchte, die Euphorie zu bremsen. "Ich hab den Jungs in der Halbzeit gesagt: Bitte nicht schon wieder den Pausenpunsch trinken, das ist noch nicht vorbei!", scherzte er nach dem Spiel. Doch vorbei war es für Thiede de facto schon. Die zweite Hälfte begann, als hätte Rain den Ehrgeiz entdeckt, nicht nur zu siegen, sondern ein Statement abzugeben. Thiede, das laut taktischer Ausrichtung eigentlich offensiv agieren wollte, wirkte wie ein Boxer, der nach drei Niederschlägen nur noch auf den Gong wartet. In der 66. Minute ließ Kluge das 5:0 folgen - diesmal nach Vorarbeit des auffälligen Außenverteidigers Silvestre Couto. Der Stürmer lief jubelnd Richtung Eckfahne, streckte die Hand zum Himmel und sagte hinterher trocken: "Ich wollte eigentlich ein Selfie machen, aber da war kein Handy." Das halbe Stadion lachte, das andere halbe applaudierte. Und als in der 83. Minute der eingewechselte Mariusz Buncol noch das 6:0 nachlegte, diesmal nach Vorlage von John Irwin, war die Stimmung endgültig auf Volksfestniveau. Müller klatschte an der Seitenlinie, während sein Gegenüber, der Thiede-Trainer (dessen Name man an diesem Abend lieber verschweigt), mit verschränkten Armen in den Rasen starrte. Viktoria Thiede brachte am Ende immerhin vier Torschüsse zustande - mehr Symbolik als Gefahr. Der TSV Rain dagegen feuerte 13 Mal auf den Kasten, dominierte mit 54 Prozent Ballbesitz und gewann über die Hälfte seiner Zweikämpfe. "Wir wollten zeigen, dass wir mehr können als nur hinten dichtmachen", sagte Müller, "aber dass es gleich so ausgeht, hätte ich auch nicht getippt." Kurz vor Schluss gab’s noch ein paar gelbe Karten für Rain - Goncalves, Couto und Keese wurden verwarnt, vielleicht weil sie sich beim Feiern etwas zu leidenschaftlich zeigten. Thiedes Jens Stoll hatte bereits in der ersten Minute Gelb gesehen - vermutlich das Einzige, was an diesem Abend früh funktionierte. Nach dem Abpfiff verließen die Gäste den Platz mit hängenden Köpfen. Ein Spieler murmelte: "Wenn du sechs fängst, willst du einfach nur duschen - und zwar lange." Der TSV Rain dagegen wurde von den Fans gefeiert. Nico Kluge wurde zum Spieler des Spiels gewählt - drei Tore, kein Fehlpass, und ein Lächeln, das man noch auf der Tribüne spürte. "Ich hoffe, das war kein einmaliger Ausrutscher", meinte er mit einem Augenzwinkern. Vielleicht war es das Spiel, das Rain in dieser Saison noch gebraucht hat - ein Ausrufezeichen, ein Befreiungsschlag, ein Abend, an dem alles funktionierte. Und wer weiß: Vielleicht erzählt man in Rain irgendwann, dass an diesem frostigen Januarabend ein Team begriff, dass Fußball manchmal ganz einfach sein kann - Ball, Tor, Jubel. Oder, wie Trainer Müller es beim Hinausgehen formulierte: "Manchmal passt einfach jeder Schuss. Heute war’s wie im Training - nur dass diesmal alle zugesehen haben." 30.06.643987 04:04 |
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Torsten Legat