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Wenn an einem frostigen Januarabend über 12.000 Zuschauer in die Arena am Lech pilgern, dann muss etwas Besonderes in der Luft liegen. Und tatsächlich: Der TSV Rain zeigte beim 3:1 gegen Weiler im Allgäu nicht nur Fußball, sondern auch ein kleines Stück Dramatik, garniert mit roter Karte, Verletzungspech und einem Trainer, der nach Abpfiff mehr grinste als sprach. "Das war ein Spiel für das Lehrbuch - wenn man das Kapitel ’Wie man sich selbst besiegt’ liest", knurrte Weiler-Coach Mino Raiola nach der Partie. Sein Team begann mutig, offensiv und mit viel Balltempo. In den ersten 15 Minuten flogen die Bälle im Minutentakt Richtung Rain-Tor. Linus Berger, Michael Siebert und Robin Born prüften Torhüter Miguel Coluna gleich mehrfach - allerdings ohne Erfolg. Dann, in der 35. Minute, fiel das längst verdiente 0:1: Linus Berger, der quirlig-schnelle Linksaußen, traf nach feinem Steckpass von Nick Scherer. Der Gästeblock tobte, und der Rest des Stadions seufzte. "Da waren wir kurz im Winterschlaf", gab Rain-Trainer Patrick Müller später zu. Doch wer glaubte, der Tabellenzehnte aus Rain würde einknicken, sah sich getäuscht. Nur sieben Minuten später schlug Luís Diez zurück - mit der Entschlossenheit eines Mannes, der keine Lust auf schlechte Laune hat. Nach einer butterweichen Flanke von Gabri Goncalves drosch der 22-Jährige den Ball volley ins lange Eck - 1:1, und das Stadion stand Kopf. Weiler schwankte - und Rain nutzte die Verwirrung eiskalt. Nur zwei Minuten später, in der 44. Minute, tauchte Connor Irwin auf dem linken Flügel auf, zog nach innen und traf präzise ins rechte Eck. 2:1! Zwei Tore in zwei Minuten - und plötzlich war die Partie gekippt. "Ich dachte, ich träume", grinste Irwin später. "Dabei war’s eher ein kleiner Albtraum für Weiler." Die zweite Halbzeit begann mit viel Kampf, aber wenig Glanz. Rain kontrollierte das Spiel, ließ den Ball zirkulieren - 56 Prozent Ballbesitz sprechen eine deutliche Sprache. Weiler versuchte, mit Tempo über die Flügel zu kommen, doch die Pässe wurden ungenauer, die Beine schwerer. Nach 60 Minuten wechselte Raiola gleich dreifach, brachte frische Kräfte mit Foerster, Jahn und Fritsch. Doch die Impulse blieben aus. In Minute 83 dann der Knall: Michel Hierro, bis dahin unauffällig, rauschte in Luis Diez hinein wie ein Schneepflug in die Leitplanke - glatt Rot. "Ich hab’ den Ball gespielt!", brüllte Hierro, während er schon unter der Dusche verschwand. Der Schiedsrichter blieb unbeeindruckt. "Wenn das der Ball war, war’s ein ovaler", kommentierte Reporter-Kollege Werner trocken auf der Pressetribüne. Rain nutzte die Überzahl clever, spielte die Uhr herunter und setzte in der Nachspielzeit den Schlusspunkt. Wieder Connor Irwin, wieder eiskalt - diesmal nach Vorarbeit von Iban Morais. 90. Minute, 3:1, Deckel drauf. Weiler wirkte da längst wie ein Boxer, der nur noch auf den Gong wartet. Einziger Wermutstropfen für Rain: Andre Osterhoudt musste kurz vor Schluss verletzt runter. "Nichts Schlimmes", beruhigte Coach Müller später. "Er hat nur kurz vergessen, dass der Ball härter ist als er." Statistisch gesehen war’s eine klare Sache: 17 Torschüsse für Rain, 11 für Weiler, dazu die bessere Zweikampfquote (52 zu 48 Prozent). Und doch war’s weniger die Zahl, sondern der Wille, der den Unterschied machte. "Das war Leidenschaft pur", schwärmte Doppeltorschütze Irwin nach dem Spiel. "Wir wussten, dass Weiler offensiv kommt, aber wir haben sie laufen lassen - und irgendwann laufen sie halt in sich selbst rein." Weiler-Coach Raiola dagegen suchte die Worte, fand aber nur ein Achselzucken. "Wir haben gut angefangen, dann das Fußballspielen eingestellt. Vielleicht lag’s am Flutlicht. Oder am Boden. Oder an allem." TSV Rain klettert mit diesem Sieg weiter ins gesicherte Mittelfeld, während Weiler im Allgäu den Anschluss nach oben verliert und mit einer Sperre leben muss. Für die Fans war’s jedenfalls ein Abend, der alles bot: Tempo, Tore, Theater. Und irgendwo auf der Tribüne, zwischen Bratwurstduft und Glühweinbecher, hörte man einen Zuschauer sagen: "Wenn das die 3. Liga ist, will ich gar nicht wissen, wie spannend die zweite ist." Ein Satz, den man sich merken sollte - zumindest bis zum nächsten Heimspiel. 15.08.643987 11:58 |
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Man hetzt die Leute auf mit Tatsachen, die nicht der Wahrheit entsprechen.
Toni Polster