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Wenn ein Flutlichtspiel in der 3. Liga Deutschland mit einem Donnerschlag endet, dann war der Himmel über dem Allgäu wohl diesmal auf der Seite des TSV München. 12.500 Zuschauer im Stadion von Weiler im Allgäu erlebten am Freitagabend ein Spiel, das alles hatte: frühe Chancen, kuriose Tore, Verletzungsdrama und einen späten Helden, der auf den Namen Ingo Xavier hört. Am Ende stand es 2:3 (2:2) - und die Gäste aus München feierten, als ginge es um den Aufstieg. Dabei begann alles so verheißungsvoll für Weiler. Schon in der 2. Minute prüfte Michael Siebert Münchens Keeper Gai Benayoun mit einem satten Schuss aus 16 Metern. "Ich dachte, der Ball sei schon drin", grinste Siebert später, "aber der Kerl im Tor hat wohl Magnetfinger." Weiler drückte weiter, hatte mehr Zug über die Flügel, während München zunächst etwas orientierungslos wirkte - Offensivformation hin oder her. In der 27. Minute dann die Erlösung für die Gastgeber: Rechtsverteidiger Michel Hierro fasste sich ein Herz, zog nach innen und hämmerte den Ball mit links ins lange Eck. Assistgeber Claudiu Ungureanu jubelte fast mehr als der Torschütze selbst - schließlich hatte er das Spiel mit einem beherzten Vorstoß eröffnet. Coach Mino Raiola klatschte zufrieden, und auf der Bank rief jemand: "So spielt man Fußball im Allgäu!" Doch die Freude währte kurz. Nur fünf Minuten später meldete sich Münchens Torjäger Eustatius Groat zu Wort. Nach feinem Zuspiel von Ingo Xavier traf er eiskalt zum 1:1. Der junge Stürmer, gerade einmal 21, zeigte mit einem Lächeln in Richtung Heimkurve, das man wohlwollend als "frech" bezeichnen durfte. Und als Weiler sich noch über den Ausgleich ärgerte, schlug Groat erneut zu: In Minute 40 drückte er eine Flanke von Gabriel Erskine über die Linie - 1:2. "Da haben wir kurz gepennt", murmelte Weilers Kapitän Robin Born später. "Vielleicht dachten wir, der Pausentee sei schon serviert." Doch auch Weiler kann spät jubeln - zumindest vor der Halbzeit. In der 44. Minute legte Ronald Bertram von rechts quer, Michael Siebert stand goldrichtig und schob zum 2:2 ein. Das Stadion bebte, und Raiola rief über die Linie: "Jetzt habt ihr’s doch drauf, Jungs!" Nach dem Seitenwechsel wurde das Spiel ruppiger. Nick Scherer kassierte Gelb in der 55. Minute und musste nach 69 Minuten verletzt raus - eine bittere Szene. "Ich hab’s im Knie gespürt, als wäre da ein kleiner Blitz drin", sagte Scherer mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der Trainer reagierte mit drei Wechseln auf einmal, brachte frische Kräfte: Felipe Gama, Jürgen Linke und Bernd Jahn kamen ins Spiel. Gama sorgte gleich für Wirbel, prüfte Benayoun zweimal (60. und 83. Minute), doch das Tor blieb wie vernagelt. TSV München indes ließ den Ball laufen, als stünde Pep Guardiola persönlich an der Seitenlinie. Mit 57 Prozent Ballbesitz und nur fünf Schüssen aufs Tor wirkten die Gäste erstaunlich effizient. Eustatius Groat blieb zwar blass in Hälfte zwei, aber sein Mitspieler Ingo Xavier sollte noch glänzen: In der 89. Minute fasste er sich ein Herz, zog aus 20 Metern ab - und der Ball segelte unhaltbar ins Eck. 3:2 für München. "Ich wollte eigentlich flanken", lachte Xavier später, "aber der Ball hat sich anders entschieden." Die letzten Minuten waren pure Verzweiflung für Weiler. Torwart Costica Rotariu rannte bei einer Ecke in der Nachspielzeit sogar selbst mit nach vorne, doch das Leder wollte einfach nicht mehr über die Linie. Als Schiedsrichterin Laura Mertens abpfiff, blieb Rotariu noch kurz im gegnerischen Strafraum stehen, schüttelte den Kopf und murmelte: "Manchmal ist Fußball einfach ungerecht." Trainer Toni Breer vom TSV München war derweil sichtlich zufrieden: "Wir haben Charakter gezeigt. Und wenn Ingo trifft, dann meist genau dann, wenn man’s am wenigsten erwartet." Sein Gegenüber Mino Raiola hingegen suchte nach Worten: "Wir haben gut gespielt, aber Punkte gibt’s halt nicht für Schönheit." Statistisch gesehen hätte Weiler den Sieg verdient gehabt: 8 Torschüsse zu 5, fast gleich viele gewonnene Zweikämpfe (50,6 Prozent), dazu eine kämpferische Leistung bis zum Schluss. Doch Fußball ist kein Schönheitswettbewerb, und der TSV nahm die drei Punkte mit in die Landeshauptstadt. Vielleicht bleibt den Allgäuern nur der Trost, dass sie ihr Publikum begeistert haben - und dass Michel Hierro nun endlich weiß, wie sich ein Traumtor anfühlt. In Weiler aber wird man sich noch eine Weile fragen, ob es wirklich nötig war, Xavier so viel Platz zu lassen. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne es kurz vor Schluss formulierte: "Wenn du in der 89. Minute hinten liegst, hilft dir nur noch ein Wunder - und München hatte eins dabei." 16.01.643991 10:57 |
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Geld schießt keine Tore.
Otto Rehhagel