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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob die Verteidigungen beider Mannschaften kollektiv beschlossen hatten, ein bisschen Unterhaltung für die 19.795 frierenden Zuschauer zu bieten. 3:3 hieß es am Ende zwischen dem SV Waidhofen und Vorwärts Steyr - ein Ergebnis, das so wild war wie der Spielverlauf selbst. Bereits nach fünf Minuten bebte das Stadion: Cesare Musso, eigentlich linker Verteidiger und sonst eher für rustikale Grätschen bekannt, drosch den Ball aus halblinker Position ins lange Eck. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Musso später und erntete Gelächter von seinen Kollegen. Leon Breuer hatte zuvor den Ball clever an der Seitenlinie behauptet - und schon stand es 1:0. Doch wer geglaubt hatte, das sei der Auftakt zu einem souveränen Waidhofener Abend, irrte gewaltig. Steyr wachte auf - und wie. Zuerst traf Hans Fisker in der 21. Minute, nachdem der 18-jährige Jason Weiss mit jugendlicher Unbekümmertheit durch die Mitte geprescht war. Nur vier Minuten später legte Attila Dzsudzsak nach: Ein kerniger Fernschuss, der den Waidhofener Keeper Marcel Nolte eher überraschte als prüfte. 1:2, und plötzlich sah der SVW aus, als hätte jemand den Stecker gezogen. Trainer Georgios Karagounis, der griechische Heißsporn an der Seitenlinie, war nach dem Rückstand kaum zu halten. "Wir haben gesehen, dass Waidhofen hinten schwimmt - also sollten wir schwimmen lernen. Nach vorne!", brüllte er in Richtung seiner jungen Garde. Seine Mannschaft verstand die Botschaft. Nach der Pause blieb Steyr offensiv, musste aber einen Dämpfer hinnehmen: Jason Weiss verletzte sich in der 52. Minute und humpelte vom Feld. "Ich bin auf dem Ball ausgerutscht - das passiert den Profis auch", sagte der Teenager später mit einem schiefen Lächeln. Für ihn kam Antonio Alvar, eigentlich Innenverteidiger - was Karagounis’ Offensivplan etwas dämpfte. Und so kam Waidhofen zurück. In der 68. Minute kombinierte sich der SVW über Breuer und Musso nach vorne, ehe Walther Klose den Ball mit der Präzision eines Uhrmachers ins Netz setzte. 2:2, das Stadion tobte. Nur sechs Minuten später drehte Celalettin Kisa die Partie endgültig. Wieder war Breuer der Vorbereiter, diesmal mit einem butterweichen Pass von rechts. Kisa, 23 Jahre jung, nahm Maß und traf flach ins rechte Eck. "Ich hab einfach die Augen zugemacht", lachte er später, "und gehofft, dass keiner hinter mir schreit." Waidhofen wähnte sich schon als Sieger, hatte leicht die Nase beim Ballbesitz (52,7 Prozent) und immerhin zehn Schüsse aufs Tor gesammelt. Doch Steyr blieb gefährlich - 15 Abschlüsse zeugen von unermüdlichem Anrennen. Und tatsächlich: In der 88. Minute zerstörte der 17-jährige Ernst Hanke alle Waidhofener Träume. Dzsudzsak bediente ihn mit einem Steilpass, und der Youngster verwandelte eiskalt. 3:3 - ausgerechnet der Jüngste rettete den Punkt. "Ich hab gar nicht nachgedacht", meinte Hanke nach dem Spiel, "vielleicht war das mein Glück." Karagounis dagegen grinste breit: "Unsere Jugend spielt, als würde es kein Morgen geben. Das gefällt mir. Auch wenn ich jetzt zehn graue Haare mehr habe." Waidhofens Trainer - der sich nach dem Abpfiff wortreich über den "vermeidbaren Ausgleich" beklagte - wurde dabei von seinem Kapitän Breuer charmant unterbrochen: "Chef, wenn wir so spielen, wie wir jubeln, gewinnen wir das nächste Mal 5:0." Statistisch war’s ein Duell auf Augenhöhe: Waidhofen mit etwas mehr Ballbesitz, Steyr mit der besseren Zweikampfquote (51,2 Prozent). Beide Mannschaften spielten mit offenem Visier - Pressing war eher theoretischer Natur, Taktik offenbar optional. Als die letzten Fans kurz nach 22 Uhr die Ränge verließen, klang noch ein leicht resigniertes "Naja, Hauptsache kein 0:0" durch die kalte Nachtluft. Und tatsächlich: Wer an diesem Abend Langeweile gesucht hatte, war im falschen Stadion. Vielleicht war’s kein Spiel für Puristen - aber eines für die Geschichtsbücher der 2. Liga Österreich. Drei Tore pro Seite, ein Teenager als Held, ein Verteidiger als Torjäger und ein Publikum, das mehr Emotionen zeigte als so mancher Erstligist. Oder, um es mit den Worten des sichtlich erschöpften Walther Klose zu sagen: "Wenn wir so weitermachen, brauchen wir bald zwei Physios - einen für die Beine und einen für die Nerven." Ein Spiel, das zeigte: In Waidhofen wird nicht nur Fußball gespielt - hier wird Drama inszeniert. Und Vorwärts Steyr? Die marschieren wirklich vorwärts - manchmal bis zur letzten Minute. 26.05.643987 10:45 |
Sprücheklopfer
Wenn Lothar so weitermacht, wird er Schwierigkeiten haben, für sein Abschiedsspiel gegen die Nationalelf eine Mannschaft zusammenzukriegen.
Mario Basler