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Wer am Samstagabend ins Ashford Stadium gekommen war, bekam für sein Eintrittsgeld einiges geboten - Tore, Tempo und ein paar Gelbe Karten, die fast so leuchteten wie die Stadionlichter. 33.454 Zuschauer sahen ein 3:3 zwischen Ashford Town und dem FC Southampton, das in seiner Wildheit kaum zu überbieten war. Schon in der ersten Minute ließ Noah Musgrave die Tribüne aufhorchen: erster Schuss, erste Flugparade des Gästekeepers Clancy. Der junge Rechtsaußen sollte im Laufe des Abends noch öfter im Mittelpunkt stehen - und das nicht nur, weil er offenbar das Schießen liebt wie andere das Atmen. Nach zwanzig Minuten explodierte das Stadion. Benjamin Bridges, gerade einmal 18, fasste sich aus zwanzig Metern ein Herz und jagte den Ball mit einer Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und präziser Technik ins rechte Eck. Lewis Cromwell hatte den Treffer mit einem beherzten Vorstoß über rechts vorbereitet. Trainer David Reichart grinste später: "Benjamin schießt sonst beim Training die Bälle auf den Parkplatz - heute eben mal ins Tor." Doch wer glaubte, Southampton würde sich davon beeindrucken lassen, irrte. Zehn Minuten später schlug Liam Allington zurück. Nach feinem Zuspiel von Gabri Yanez, der zuvor einen Ashford-Verteidiger stehen ließ wie eine alte Parkuhr, versenkte der 20-Jährige eiskalt. 1:1 - und das Spiel wieder völlig offen. Kurz vor der Pause wurde es ruppig. Lewis Cromwell sah Gelb, weil er den Ball nicht nur spielte, sondern gleich den halben Gegner mit abräumte. Wenig später traf es auch den 18-jährigen Innenverteidiger Adam Whitman. "Ich wollte nur zeigen, dass ich da bin", meinte der Nachwuchsmann hinterher schulterzuckend. Unmittelbar nach Wiederanpfiff dann die nächste Explosion: Musgrave, wer sonst, nutzte einen Ballverlust im Mittelfeld, kombinierte sich im Doppelpass mit Bridges durch und schob überlegt zum 2:1 ein (46.). Reichart klatschte an der Seitenlinie, als hätte sein Team gerade die Liga gewonnen. Doch wie schon zuvor antwortete Southampton prompt. Nur fünf Minuten später zirkelte Nicolaas Derrick einen Schuss aus der zweiten Reihe unhaltbar ins Netz - ein Tor, das man in jedem Saisonrückblick wiedersehen wird. Owen Hartshorn hatte den Ball klug abgelegt, und Trainer Michael Böning kommentierte trocken: "Wenn Nicolaas so trifft, darf er künftig öfter aus der Distanz draufhalten." Das Spiel wogte hin und her, Southampton suchte den Sieg, Ashford die Geduld. Und dann, in Minute 73, wieder Musgrave. Diesmal nach Vorarbeit von Sean McLeod, der auf dem rechten Flügel eine Flanke servierte, die präziser kaum sein konnte. 3:2, und die Fans schwenkten bereits die Schals. Doch kaum war der Jubel verklungen, zappelte der Ball schon wieder im Netz - auf der anderen Seite. Nur eine Minute später glich der 21-jährige Jan Ovesen aus, nach Kopfballverlängerung von Innenverteidiger Carles Ordono. 3:3! Trainer Böning sprang an der Linie auf wie ein Teenager beim ersten Konzertbesuch: "Wir haben Moral, und die Jungs haben Herz gezeigt!" In der Schlussphase drückte Ashford noch einmal - 21 Torschüsse hatte man am Ende gezählt, fast dreimal so viele wie die Gäste. Doch Clancy hielt, was zu halten war, und einmal rettete sogar der Pfosten. Southampton konterte gefährlich, doch Duarte Ramirez, frisch eingewechselt, verzog aus spitzem Winkel. Nach Abpfiff war die Stimmung ambivalent. Die einen feierten ein Spektakel, die anderen trauerten zwei verlorenen Punkten hinterher. "Wenn du dreimal führst, willst du auch gewinnen", sagte Reichart und sah dabei aus, als hätte er gerade Essig getrunken. Böning hingegen grinste: "Ein Auswärtspunkt, drei Tore - ich kann damit leben." Statistisch war Ashford klar überlegen: 57 Prozent Ballbesitz, eine Zweikampfquote von 54 Prozent und Chancen im Dutzend. Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn Zahlen alles erklärten. Vielleicht fasste es Noah Musgrave am besten zusammen, als er in der Mixed Zone mit hochrotem Kopf sagte: "Ich hätte heute vier Tore machen müssen - aber wenn’s spektakulär war, nehm ich das auch." Ein Satz, der blieb. Und ein Abend, den man in Ashford so schnell nicht vergessen wird. Schlusswort? Vielleicht dieses: Wer Tore sehen will, sollte öfter nach Ashford fahren - dort spielt man Fußball, als gäbe es keine Tabellenplätze, sondern nur Dramaturgiepreise. 09.08.643993 17:07 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon