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Es war ein Abend, der den 19.739 Zuschauern im Kremser Stadion alles abverlangte - vor allem den Nerven. 5:4 hieß es am Ende für die Heimmannschaft, die unter Trainer Theo Fluss eine furiose, manchmal wilde, aber stets mitreißende Vorstellung bot. "Ich hab irgendwann aufgehört mitzuzählen", lachte Fluss nach dem Schlusspfiff, "hauptsache, wir hatten am Ende eins mehr." Schon nach zwei Minuten bebte der Boden: Jason Beier, Kremser Dauerläufer mit Raketenantrieb, zog nach einem weiten Ball von Sebastian Frei ab - 1:0. Mödling war da wohl noch beim Aufwärmen. Doch kaum hatte sich die Heimkurve wieder gesetzt, legte Patrik Dahlstrom (10.) nach. 2:0 - das sah nach einem ruhigen Abend aus. Nur: Ruhe war an diesem 28. Spieltag der 2. Liga Österreich ein Fremdwort. Denn Mödling hatte einen 17-Jährigen mit Feuer im Schuh: James Nolan. Im Gegenzug (11.) donnerte er den Ball nach Vorarbeit von Marc Weber ins Netz. "Ich hab einfach draufgehauen", grinste Nolan später schüchtern - und zeigte, dass jugendliche Unbekümmertheit manchmal die beste Taktik ist. Kurz darauf (25.) glich Lars Kirsch mit einem trockenen Abschluss aus. Zwei Tore in drei Minuten - das Spiel kippte, die Zuschauer schwankten zwischen Begeisterung und Erschöpfung. Doch Krems ließ sich nicht lange bitten: Francisco Sa Pint, 19 Jahre jung, knallte den Ball nach Pass von Goran Ilic ins Eck (26.). Und weil Beier offenbar beschlossen hatte, dass ein Doppelpack schöner klingt als ein Einzelner, legte er in der 34. Minute zum 4:2 nach. Pause. Durchatmen. "Ich hab der Mannschaft in der Kabine gesagt: Keine Sorge, das wird noch chaotischer", verriet Gästecoach Herbert Sax später mit einem bitteren Lächeln. Er sollte recht behalten. Denn Mödling kam mit Wucht aus der Halbzeit. Wieder Nolan (51.) - wieder ein Treffer, diesmal nach tollem Zuspiel seines Bruders Archie. Die Nolans, ein Familienbetrieb im Strafraum. Und als Marc Weber (62.) mit einem platzierten Schuss zum 4:4 traf, schien sich das Spiel in eine Achterbahnfahrt ohne Bremse zu verwandeln. Doch dann: wieder Beier. In Minute 67 traf er zum dritten Mal - und wie! Nach feinem Doppelpass mit Ilic schlenzte er den Ball ins lange Eck, als hätte er Zeit und Raum gepachtet. 5:4, und diesmal blieb es dabei. Mödling drückte noch, hatte durch den unermüdlichen Nolan Chancen (65., 91.), aber Kremser Keeper Marcel Peltier parierte mit Nervenstärke. Der Schluss war wild: Gelbe Karten für Vicente Zuloaga (85.) und Sebastian Frei (89.), ein verletzter Claus Lindemann (75.) und eine Einwechslung von Fabio Peyroteo, der nach dem Spiel lachend meinte: "Ich kam rein, um Zeit zu schinden - und hab’s professionell gemacht." Statistisch betrachtet war Mödling sogar leicht überlegen im Ballbesitz (53 zu 47 Prozent), doch Krems schoss doppelt so oft aufs Tor (22 zu 9). "Wir haben heute Effizienz neu definiert", meinte Beier mit einem Augenzwinkern, während er den Spielball unter den Arm klemmte. Trainer Fluss fasste es trocken zusammen: "Wir spielen halt lieber 5:4 als 1:0. Für die Zuschauer, versteht sich." Und tatsächlich - wer dabei war, wird diesen Abend nicht vergessen. Tore im Minutentakt, junge Wilde, alte Routiniers, ein bisschen Drama und ganz viel Herzblut. Herbert Sax dagegen seufzte nur: "Wenn du vier Tore auswärts machst und trotzdem verlierst, weißt du, dass der Fußball dich nicht liebt." Vielleicht liebt er Krems ein bisschen mehr. Jedenfalls war dieser 28. Spieltag ein Fest für alle, die glauben, dass Fußball vor allem eines ist: pure Unterhaltung. Und irgendwo im Kremser Kabinentrakt soll Jason Beier noch lange nach Abpfiff gesungen haben - keine Hymne, sondern einfach ein lautes, glückliches "Jaaa!". Ganz ohne Melodie, aber mit viel Gefühl. 09.12.643987 06:30 |
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