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47.000 Zuschauer, ein lauer Abend in Galiläa und zwei Teams, die Fußball als Kampfkunst verstanden: Beim 1:2 (1:2) zwischen Kiryat Shmona FC und Tirat Carmel FC beim 17. Spieltag der 1. Liga Israel war alles geboten - Tempo, Emotionen und ein Platzverweis, der die Statik des Spiels sprengte. Schon die ersten Minuten ließen ahnen, dass es kein gemütliches Ballgeschiebe geben würde. Kiryat Shmonas Alejandro Cascon prüfte nach zwei Minuten den gegnerischen Keeper Georg Danielsen - ein Vorgeschmack auf einen stürmischen Beginn. Doch während die Hausherren mit "ausgewogener" Taktik auf Stabilität setzten, entfaltete Tirat Carmel unter Trainerin Babsi Klemm von Beginn an ihre offensive Flügelstrategie. "Wir wollten sie gleich aufreißen, über die Seiten, mit Mut und Tempo", erklärte Klemm nach dem Spiel und grinste, als hätte sie gerade ein Schachspiel gewonnen. Und tatsächlich: In der 13. Minute segelte ein weiter Ball von Ricardo Gutierrez von rechts in den Strafraum, wo Sigurd Carlsen artistisch vollendete - 0:1, eiskalt. Kiryat Shmona wackelte, reagierte mit Wut und einigen rustikalen Zweikämpfen. Trainer Ivan Murganovic gestikulierte wild an der Seitenlinie, während seine Elf versuchte, den Ballbesitz (am Ende 47,7 Prozent) in Chancen umzumünzen. Doch in der 30. Minute der nächste Nackenschlag: Ein blitzsauberer Angriff über links, Bram Sleeper mit dem klugen Pass, Rahim Erkin schiebt flach ein - 0:2. "Da dachte ich kurz, wir werden hier überrollt", gab Innenverteidiger Menachem Begin später zu. "Aber dann hat Jorge uns zurückgebracht." Gemeint war Jorge de Freitas, der 17-jährige Mittelfeldspieler, der nur vier Minuten nach dem 0:2 zum 1:2 verkürzte. Nach Vorarbeit des agilen Giorgio Ferro traf der Teenager trocken ins Eck - sein erstes Profitor! "Ich hab gar nicht gesehen, dass der Ball drin war, bis Mitrofan auf mich gesprungen ist", lachte de Freitas hinterher. Das Stadion tobte, und plötzlich war wieder alles offen. Doch das Spiel kippte endgültig, als Begin - eben noch der besonnene Abwehrchef - innerhalb von zwei Minuten erst Gelb (60.) und dann Gelb-Rot (61.) sah. "Ich schwöre, ich hab nur laut geatmet", verteidigte er sich später mit einem Augenzwinkern. Trainer Murganovic indes vergrub das Gesicht in den Händen, während die Fans kollektiv aufstöhnten. Tirat Carmel nutzte die Überzahl clever, ohne allerdings noch einmal zu treffen. Der verletzungsbedingte Ausfall von Stürmer Isidoro Oliveira (33.) bremste den Gast leicht, doch Ersatzmann Joel Cantwell fügte sich mit frischem Wind ein. "Ich sollte eigentlich erst in der 70. kommen", witzelte Cantwell, "aber Isidoro hat’s Knie gerettet - und mir Einsatzminuten beschert." Kiryat Shmona kämpfte tapfer weiter, feuerte 15 Schüsse aufs Tor ab, während Carmel 13 Mal prüfte. Der junge Ghalib Vilner, erst 19, kam nach der Pause und wirbelte in Unterzahl unermüdlich. Gleich dreimal tauchte er gefährlich vor Danielsen auf (88., 91.), doch das Glück blieb ihm fern. Die Schlussphase glich einem Test für die Herzfrequenz der Heimfans: Mit zehn Mann und letzter Kraft drängte Kiryat Shmona auf den Ausgleich, während Tirat Carmel mit jeder Minute defensiver wurde. "Ich hab irgendwann aufgehört, mitzuzählen, wie oft wir den Ball einfach rausgedroschen haben", gab Abwehrmann Catalano ehrlich zu. Als Schiedsrichter Ben Harel nach 96 Minuten endlich abpfiff, fiel Babsi Klemm ihrem Co-Trainer in die Arme. "Das war kein Schönheitspreis, aber drei Punkte bleiben drei Punkte", sagte sie und verschwand Richtung Kabine, wo vermutlich die Eisbeutel auf Adriano Figo warteten - der Linksverteidiger hatte nach Gelber Karte und mehreren ruppigen Duellen noch in der ersten Halbzeit weichen müssen (45.). Kiryat Shmona blieb enttäuscht, aber nicht gebrochen. "Wir haben Moral gezeigt, das zählt", meinte Murganovic später. "Und wenn ein 17-Jähriger unser bestes Tor schießt, dann sind wir nicht so weit weg, wie’s aussieht." So endete ein Abend, an dem Taktiktafeln tanzten und Emotionen kochten. Tirat Carmel jubelte über drei Zähler und ein gelungenes Flügelspiel, Kiryat Shmona über einen Hoffnungsträger mit Babyface. Und irgendwo auf der Tribüne murmelte ein Fan beim Hinausgehen: "Wenn Begin das nächste Mal nur leise atmet, gewinnen wir vielleicht." Ein Satz, der die 90 Minuten treffender kaum zusammenfassen könnte. 23.07.643987 07:37 |
Sprücheklopfer
Der Vorteil von Trainern wie Branko Zebec und Ernst Happel war ihre kuriose Sprache. Die Spieler mussten sich stark konzentrieren, um zu verstehen, was sie meinten. Deshalb kam ihre Botschaft so gut rüber.
Felix Magath