Haaretz Sports
+++ Sportzeitung für Israel +++

Tirat Carmel schießt, schießt - und trifft einfach nicht

Ein 0:0 kann vieles sein: langweilig, taktisch, oder schlicht tragikomisch. Das, was die 50.287 Zuschauer im Tirat-Carmel-Stadion am 34. Spieltag der 1. Liga Israel erlebten, war von allem ein bisschen - vor allem aber ein Lehrstück in Sachen vergebene Chancen. Tirat Carmel FC dominierte Kiryat Shmona FC nach Belieben, schoss 23-mal aufs Tor - und verließ den Platz doch ohne Treffer.

Schon nach vier Minuten donnerte Isidoro Oliveira den Ball aus zentraler Position Richtung Winkel. Der Gästetorwart, Henrich Stastny, 17 Jahre jung und offenbar ohne Nerven, fischte das Leder mit einer Selbstverständlichkeit aus der Ecke, die man sonst nur bei Torhütern mit Bart und Champions-League-Erfahrung sieht. "Ich habe einfach nur die Hände hochgerissen - und gehofft, dass er mich trifft", grinste der Teenager später. Er wurde prompt zum inoffiziellen Mann des Abends gewählt.

Tirat Carmel spielte offensiv, fast übermütig. Coach Babsi Klemm hatte ihre Mannschaft auf Angriff getrimmt - offensives Alignment, starkes Pressing, volles Risiko. Schon in der Anfangsviertelstunde folgten Schüsse von Makarow, Sleeper und nochmal Oliveira. Kiryat Shmona dagegen? Defensiv, diszipliniert, und mit einer Prise jugendlichem Chaos. Der Altersdurchschnitt lag irgendwo zwischen Führerscheinprüfung und Abitur. Trainer Ivan Murganovic hatte seine Jungs tief gestellt und ließ sie kontern, wenn sie mal den Ball sahen.

In Minute acht dann das erste Gelb: Adriano Figo, der linke Verteidiger der Hausherren, bremste einen Konter rustikal. "Ich wollte nur Hallo sagen", rechtfertigte er sich später lachend. Klemm reagierte in der Pause und brachte Kacper Wojciechowski - eine Einwechslung, die sich zumindest in Sachen Foulstatistik auszahlte, nicht aber in Toren.

Zur Halbzeit stand es 0:0, obwohl Tirat Carmel 14 Schüsse abgegeben hatte. Im VIP-Bereich wurden bereits Wetten abgeschlossen, ob man heute überhaupt ein Tor sehen würde. Ein älterer Herr in Vereinsfarben soll laut Augenzeugen in der 43. Minute gemurmelt haben: "Wenn die Latte ein Punkt wäre, stünden wir schon im Meisterrennen."

Die zweite Hälfte begann, wie die erste aufgehört hatte: Angriffswelle um Angriffswelle rollte auf das Tor der Gäste. Sigurd Carlsen prüfte Stastny gleich dreimal innerhalb von zehn Minuten. Der Keeper hielt alles. In der 61. Minute wagte sogar Innenverteidiger Eugenio Conte einen Fernschuss - weil offenbar jeder mal durfte.

Kiryat Shmona tat, was sie konnten: verteidigen, Zeit gewinnen, und gelegentlich den Ball weit nach vorne dreschen. Dort lauerte Jitzchak Solodkin, 17 Jahre jung, der in Minute 70 fast das Undenkbare schaffte. Sein Schuss aus spitzem Winkel zwang Tirats Keeper Georg Danielsen zu einer Flugeinlage, die Applaus selbst von der gegnerischen Bank erhielt. "Ich habe kurz überlegt, ob ich ihn reinlasse, damit endlich was passiert", witzelte Danielsen später - natürlich rein hypothetisch.

In der 68. Minute brachte Klemm Joel Cantwell für den erschöpften Carlsen. Der Neue fügte sich sofort ein, rannte, presste, schoss - und verzog. So wie alle vor ihm. Auf der Gegenseite wechselte Murganovic gleich drei Youngster zur Pause ein - offenbar, um die Laufbereitschaft hochzuhalten.

Als Kiryats Chaim Chouraqui in der Nachspielzeit noch Gelb sah, war das fast schon symbolisch: Gelb für Müdigkeit, Gelb für das Ausharren im Dauerbeschuss. Nach 90 Minuten stand es immer noch 0:0 - ein Ergebnis, das Tirat Carmel niemand erklären konnte.

"Wenn Ballbesitz Punkte gäbe, wären wir Meister", sagte Trainerin Babsi Klemm nach dem Schlusspfiff mit einem süffisanten Lächeln. 50,2 Prozent Ballbesitz, 55,9 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 23 Torschüsse - und nichts Zählbares. Ihr gegenüber grinste Murganovic: "Wir wollten das 0:0. Plan erfüllt."

Ein Reporter fragte Oliveira, ob er nach so vielen vergebenen Chancen heute Nacht schlafen könne. "Nur, wenn mir jemand ein Tor zählt", antwortete der Stürmer trocken.

So blieb es bei einem torlosen, aber keineswegs ereignislosen Abend. Tirat Carmel FC dominierte, Kiryat Shmona FC überlebte, und das Publikum ging mit einer Mischung aus Bewunderung und Verzweiflung nach Hause. Vielleicht, so meinte ein Fan beim Verlassen des Stadions, sollte man künftig Punkte für Lattentreffer vergeben.

Bis das soweit ist, bleibt dieses 0:0 eines jener Spiele, bei denen man sich fragt, wie Fußball manchmal funktionieren kann - und warum gerade dann nicht, wenn eigentlich alles passt.

25.04.643990 06:12
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