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Es war einer dieser Abende in Tirat Carmel, an denen der Fußball sich von seiner eigensinnigen Seite zeigte. 38.879 Zuschauer im Stadion sahen ein Spiel, das weniger von Taktik als von Temperament lebte, und am Ende jubelte der Gastgeber: Tirat Carmel FC besiegte die Rehovot Blacks mit 2:1 (1:1). Trainerin Babsi Klemm hatte vor Anpfiff noch süffisant erklärt: "Wir spielen heute offensiv, aber mit Verstand." Nach 90 Minuten dürfte sie sich gedacht haben: Gut, den Verstand haben wir vielleicht kurz verloren, aber wenigstens die Punkte behalten. Der Beginn war ein einziges Feuerwerk in Blau-Weiß. Schon nach wenigen Minuten prüfte Robert Catalano den gegnerischen Keeper Christian Blanchett mit einem Distanzschuss, der eher an ein Tennisspiel erinnerte - hoch und weit, aber immerhin aufs Tor. Tirat Carmel setzte die Gäste früh unter Druck, 20 Torschüsse sprechen eine klare Sprache. In der 21. Minute fiel dann das verdiente 1:0: Isidoro Oliveira, die menschgewordene Wuchtbrumme im Sturmzentrum, nahm eine butterweiche Flanke von Innenverteidiger Leandro Djalo per Brust an und drosch den Ball in die Maschen. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Oliveira später, "ich hatte Hunger - auf ein Tor und auf Pasta." Doch wer glaubte, die Rehovot Blacks würden brav den Spielball abgeben, sah sich getäuscht. Trainer Hhbb Hjj (ja, der Mann heißt wirklich so) brüllte seine Offensivreihe nach vorn, und kurz vor der Halbzeit kam die Belohnung: Der flinke Nestor Sousa, bis dahin eher unscheinbar, verwandelte in der 41. Minute eine Vorlage von Georges Kinmont zum Ausgleich. "Ein Moment der Konzentration - und zack, drin", meinte Sousa nach dem Spiel, während sein Trainer lakonisch hinzufügte: "Wir wollten ihn eigentlich rausnehmen, aber dann hat er getroffen. Blöd gelaufen." Die zweite Halbzeit begann, wie die erste endete - mit Tirat Carmel im Vorwärtsgang. Oliveira prüfte erneut Blanchett, Rahim Erkin tänzelte elegant über den linken Flügel, und Rasmus Clausen schien beschlossen zu haben, dass heute sein Tag ist. In der 54. Minute war es dann soweit: Nach Vorarbeit von Adriano Figo traf Clausen aus zwölf Metern trocken ins rechte Eck. 2:1 - und Jubel, der bis zur Küste hallte. Danach wurde es ruppig. Espen Brinkerhoff kassierte in der 72. Minute Gelb, offenbar als Erinnerung daran, dass Trikotziehen offiziell nicht zum Yoga gehört. Kurz darauf sah Ricardo Gutierrez ebenfalls die Karte, weil er sich mit dem Linienrichter über die korrekte Definition von "Fairplay" stritt. Und Rasmus Clausen, Held des Abends, holte sich acht Minuten vor Schluss ebenfalls Gelb ab - aus purer Freude, wie er später meinte: "Wenn man schon trifft, darf man sich auch mal was gönnen." Rehovot versuchte in der Schlussphase noch einmal alles, doch es fehlte an Durchschlagskraft. Ganze fünf Torschüsse standen am Ende zu Buche - zu wenig, um Tirat Carmel ernsthaft zu gefährden. Während die Gäste zwar etwas mehr Ballbesitz hatten (53,6 Prozent), wirkten ihre Angriffe zahnlos wie ein Veteran ohne Gebiss. Babsi Klemm zeigte sich nach dem Schlusspfiff zufrieden, aber nicht ohne Ironie: "Wir haben das Spiel verdient gewonnen, auch wenn meine Abwehr manchmal eher an ein offenes Scheunentor erinnerte. Aber was soll’s - drei Punkte sind drei Punkte." Und was sagte der unterlegene Coach Hhbb Hjj? "Wir hatten mehr vom Ball, aber weniger vom Spiel. Vielleicht sollten wir nächstes Mal einfach den Ball behalten, aber die Tore abgeben." Als die Flutlichter erloschen, blieb die Erkenntnis zurück: Tirat Carmel hat Herz, Mut und einen Oliveira, der mit jedem Spiel gefährlicher wirkt. Die Rehovot Blacks dagegen müssen sich fragen, warum man mit so viel Ballbesitz so wenig anfangen kann. "Fußball ist kein Schönheitswettbewerb", meinte Clausen in der Mixed Zone, während er noch den Schweiß aus den Haaren wischte. "Aber wenn er einer wäre - heute hätten wir gewonnen." Und so endete ein Abend, der zeigte: Statistik gewinnt keine Spiele, Tore schon. Tirat Carmel FC hat beides verstanden - und darf nach dem 2:1-Sieg weiter von den oberen Tabellenregionen träumen. Rehovot hingegen geht mit einem Lächeln vom Platz, das wohl mehr Verlegenheit als Freude ausdrückte. Doch auch das ist Fußball: mal himmelhoch jauchzend, mal tief unten - und manchmal einfach nur schön, wenn der Ball endlich drin ist. 15.05.643987 03:05 |
Sprücheklopfer
Lorant ist von seinem Niveau her bei einem Verein, der sein Niveau hat.
Oliver Kahn