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Ein lauer Abend in Carmel, 44.904 Zuschauer im Stadion, und wer kam, bekam sein Geld doppelt und dreifach wert: Tirat Carmel FC zerlegte Kiryat Shmona Red mit 4:1 - ein Spiel, das zwischen Genie, Chaos und einer Prise Slapstick oszillierte. Schon beim Aufwärmen sah man, dass Espen Brinkerhoff heute etwas vorhatte. Der norwegische Flügelflitzer grinste schelmisch, als er den Ball jonglierte. In der 25. Minute ließ er dann Taten folgen: Nach feiner Vorarbeit von Ethan Marley zog Brinkerhoff aus 18 Metern ab - trocken, präzise, unhaltbar. 1:0, Stadion in Ekstase. Trainer Babsi Klemm drehte sich zur Bank und rief: "Endlich trifft er mal so, wie er im Training ankündigt!" Kiryat Shmona versuchte, sich in das Spiel zurückzukämpfen, hatte sogar mehr Ballbesitz (54,7 Prozent), aber was half’s, wenn Tirat Carmel mit 20 Schüssen aufs Tor einfach gefährlicher war? Die Gäste wirkten wie ein Auto mit angezogener Handbremse - hübsch lackiert, aber ohne Antrieb. Nach der Pause wurde es bitter für die Roten: In der 51. Minute erhöhte Frans Dahl, wieder nach Vorlage von Marley, auf 2:0. Ein Tor wie aus dem Lehrbuch: flach, hart, entschlossen. "Ich hab nur die Augen zugemacht und gehofft, dass er reingeht", lachte Dahl später. Zwei Minuten später musste Marley verletzt runter - und Ansgar Henriksson kam. Ein Wechsel, der sich lohnen sollte. Denn kaum war Henriksson auf dem Feld, klingelte es erneut: Sigurd Carlsen schob in der 57. Minute zum 3:0 ein, nachdem Kiryats Abwehr kollektiv beschlossen hatte, gerade lieber die Wolken zu beobachten. Trainer Winfield brüllte von der Seitenlinie "Aufwachen!", doch seine Spieler reagierten, als sei das nur eine freundliche Wetterdurchsage. Kiryat Shmona, weiterhin mit offensiver Ausrichtung, kämpfte immerhin um den Ehrentreffer - und bekam ihn spät: In der 84. Minute nutzte Anders Hoiland einen Abpraller nach einem Kopfball von Verteidiger Per Berg zum 3:1. Es war der Moment, in dem die 200 mitgereisten Fans wenigstens kurz jubeln durften. Doch Tirat Carmel hatte noch nicht genug. In der 88. Minute setzte der eingewechselte Rahim Erkin den Schlusspunkt zum 4:1. Nach einem langen Ball von Innenverteidiger Leandro Djalo ließ Erkin den Keeper alt aussehen. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste er nach dem Spiel und wurde prompt von Coach Klemm mit einem Augenzwinkern gerüffelt: "Das war kein ’einfach draufhalten’, das war Kunst, Rahim!" Danach war die Messe gelesen. Kiryat Shmona kam zwar in der Schlussphase noch zu ein paar Torschüssen, Hoiland und Norman versuchten es verzweifelt, doch Torwart Edward Whitman blieb souverän. Nur einmal, beim Gegentor, sah er etwas unglücklich aus - "Da kam der Ball aus dem Nichts", erklärte er, während er sich das Hemd glattstrich. Statistisch gesehen war es eine dieser Partien, die beweisen, dass Ballbesitz keine Tore schießt. Tirat Carmel hatte nur 45 Prozent vom Spielgerät, aber jede Menge Spaß damit. 20 Schüsse aufs Tor sprechen eine klare Sprache, während Kiryat Shmona mit sieben Versuchen und drei Gelben Karten (Csernai, Bendtsen, und die für Catalano auf der Gegenseite) eher rustikal unterwegs war. Frederic Winfield wirkte nach dem Abpfiff wie ein Mann, der gerade sein Navi verloren hat: "Wir hatten den Plan, aber der Plan hatte uns nicht", murmelte er kryptisch. Babsi Klemm dagegen grinste breit: "So darf’s weitergehen. Meine Jungs haben heute Fußball gearbeitet - und ein bisschen gezaubert." Die Fans sangen, die Flutlichter glühten, und irgendwo in der Kabine soll Sigurd Carlsen einen Eimer Wasser über Frans Dahl gegossen haben. Ob aus Freude oder als taktische Abkühlung, ist nicht überliefert. Sicher ist nur: Tirat Carmel FC spielt sich mit diesem 4:1 endgültig in die Herzen seiner Fans - und Kiryat Shmona Red wird in der kommenden Woche viel Zeit im Videoraum verbringen. Babsi Klemm fasste es am besten zusammen: "Wenn du viermal triffst und dabei noch Witze machen kannst, dann war’s ein guter Abend." Und das war er - für alle in Blau-Weiß allemal. 02.06.643993 13:37 |
Sprücheklopfer
Ottmar Hitzfeld ist noch nie auf die Tribüne verbannt worden, ich auch nicht. Aber bei mir wird es sicher nicht mehr lange dauern.
Matthias Sammer